"Chiisakobee 1 - Die kleine Nachbarschaft" von Minetaro Mochizuki, Manga
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Seitdem ich über die „Death Note“-Reihe unter die Mangafans geraten bin, stöbere ich immer mal wieder durch die riesige Auswahl in diesem Genre. Jetzt habe ich mit „Chiisakobee 1 – Die kleine Nachbarschaft“ von Minetaro Mochizuki eine vielversprechende Geschichte gefunden, die ich euch gerne vorstellen möchte. Es ist nicht nur die Figurenkonstellation, die diesen Manga so interessant macht. Vor allem sind es die unter der Oberfläche schwelenden Emotionen. An und für sich ist „Chiisakobee 1 – Die kleine Nachbarschaft“ von Minetaro Mochizuki eine ruhige Geschichte. Zwischen den Zeilen und Bildern lässt sich aber soviel Konfliktpotenzial erahnen, dass man neugierig auf die Folgebände wird. Der Titel basiert auf einem Roman von Shuguro Yamamoto. Er spielt eigentlich im Mittelalter, ist thematisch aber zeitlos.

Im Mittelpunkt stehen bisher zwei Personen: Der junge Schreinermeister Shigeji will nach dem Tod seiner Eltern, die beim Brand ihrer Traditionsschreinerei „Daitome“ ums Leben gekommen sind, den Familienbetrieb wieder aufbauen. Für den langbärtigen Bücherwurm Shigeji, der sich bisher gerne aus allem herausgehalten hat, bedeutet das eine große Umstellung. Um Unterstützung bemüht, stellt er das Mädchen Ritsu, das gerade erst die Mutter verloren hat, als Haushälterin ein. Die beiden kennen sich schon lange, ihr Verhältnis ist aber rein freundschaftlich – jedenfalls soweit. Zusammen mit Ritsu ziehen fünf garstige Waisenkinder bei Shigeji ein, die für einigen Wirbel sorgen.

Die Verbindungspunkte zwischen den Protagonisten werden schnell deutlich. Wie findet man nach einem Schicksalsschlag ins Leben zurück? Wie gelingen bei aller Individualität Freundschaften und Beziehungen? Allen Figuren gemeinsam, ist der Verlust, die Suche nach Kraft und das Ringen um Menschlichkeit. Dieses Ringen drückt sich bei Mochizuki indirekt durch Schweigsamkeit und Distanz aus, oder im Falle der Kinder durch Wut – keine der Personen teilt ihre wahren Gefühle mit, kennt sie vielleicht auch nicht bis zu diesem Moment. Sehr schön wird diese innere Zurückgezogenheit durch Shigejis einnehmenden Vollbart veranschaulicht, der vom Gesicht nur noch die Nase erkennen lässt.

Obwohl man den Zeichenstil als spartanisch beschreiben muss, werden Emotionen eindrucksvoll mit einfachen optischen Mitteln greifbar gemacht. Nahaufnahmen von geballten Fäusten und perspektivische Tricks lassen die Protagonisten mal verloren, mal angespannt wirken. Sie ziehen den Leser/Betrachter nahezu unbewusst in die Handlung hinein. Es lohnt sich daher, die Zeichnungen etwas länger auf ihre konkrete Wirkung hin anzusehen.

In dieser Weise begleitet der Leser Shigeji bei seinen ersten Schritten als selbstständiger Unternehmer, die junge Ritsu bei ihren Rückschlägen mit der Erziehung der Waisenkinder und Shigejis und Ritsus höfliche, unsichere und zugleich starrsinnige Kommunikation. Rundherum gibt es einige interessante, teilweise skurrile Figuren. Insgesamt eine eher erwachsene Geschichte, die sicher nicht die ganz jungen Mangafans anspricht. Abgesehen von den Waisen, sind die Charaktere wohl alle Ü18 und beschäftigen sich (einmal abgesehen von ihren persönlichen Schicksalen) mit Dingen, die viele Gleichaltrige bewegen. Wo geht es im Leben hin? Und wie realisiert man seine Ziele? Welche Kompromisse geht man ein? Was kann man aus Rückschlägen lernen?

Viel Potenzial für die Folgebände ist auf jeden Fall vorhanden. Ob es auch genutzt wird… ich bin gespannt! Der einzige Nachteil bisher ist nämlich der Einführungscharakter dieses ersten von insgesamt vier Bänden. Es werden erst einmal die wichtigsten Personen vorgestellt und die Prämisse deutlich gemacht. Gerade begann ich in der Geschichte anzukommen, da war sie auch schon wieder vorbei.

Fazit: Ein verheißungsvoller Auftakt! Ich bin neugierig, wie es mit Ritsu, Shigeji und den Waisen weiter geht. Dieser erste Band endete für mich viel zu früh, denn der leise, aber unterschwellig sehr emotionale Manga um eine kleine Gruppe Menschen, die ihren Stand im Leben sucht, macht Lust auf mehr. Ich hoffe, dass die Reihe ihr Potenzial weiter entfaltet und auch ihr Publikum findet. Bisher bin ich in der Bloggerwelt und auf den bekannten Plattformen noch auf keine einzige Rezension zu „Chiisakobee“ gestoßen.

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Erscheinungsdatum: 27. Februar 2018
ISBN-13: 978-3551720955
Altersempfehlung: Ab 14 Jahren 

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