"Piagnolia" von Matthias von Arnim, Roman
Copyright: Verlag Die Werkstatt

Elf … oder mehr … Freunde müsst ihr sein

Großereignisse werfen ihre Schatten voraus – es ist wieder
soweit, das Leder rollt und das Runde will ins Eckige. Wie das Ganze ausgehen
wird, weiß im besten Falle keiner – oder vielleicht doch?
Wie wir wissen ist die Geschichte des Fußballs in Europa und
der Welt voll von Ereignissen, die durch vielfältige Manipulationen den Ausgang
nicht nur einzelner Spiele entschieden haben.
Auch in Italien 1934. Der Duce, Benito Mussolini selbst,
hat alles daran gesetzt, die Fußballweltmeisterschaft ins Land zu holen. Aber
das alleine genügt ihm nicht, Italien soll der Welt voran stehen. Auch im
Fußball. Überall soll die Überlegenheit des italienischen System aufscheinen –
Rom will siegen und nach Möglichkeit durch die vorausgeplanten Endstände der
Spiele die Kosten, die für Stadien und Bestechungsgelder ausgegeben werden
mussten, wieder wett  machen. Die
italienische Bevölkerung selbst steht dem ganzen Treiben nicht so
leidenschaftlich gegenüber. Die Eintrittskarten für die Spiele sind teuer, die
Steuern werden erhöht, um die Kosten wieder auszugleichen und  die Squadra Azzurra ist zudem nicht
unbedingt der absolute Favorit für den Meistertitel
Irgendwie kommt einem das doch sehr aktuell und vertraut
vor..
Brasilien, der Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft 2014,
zahlt einen hohen Preis dafür, Gastgeberland dieses Turniers zu sein und möchte
sicherlich gerne selbst den Titel holen. Die brasilianischen Fußballer fiebern
den ersten Spielen ebenso entgegen, wie die anderen Mannschaften. Anders als
ihre Mitbürger, die nur sehen, was diese WM die Gemeinschaft kostet: Anstelle
von dringend benötigten Krankenhäusern und Bildungsstätten werden für immense
Kosten Stadien an Orten errichtet, an denen normalerweise kaum Fußball gespielt
wird. Indigene Einwohner werden zwangsumgesiedelt, Demonstranten, die um einen
Boykott der WM bitten mit  Gefängnis
bedroht. All das sind Geschehnisse, die der durchschnittliche Fußballfan nicht
wahrnehmen möchte. Will er doch an die Reinheit des Spiels und dessen Ausgangs
glauben. Welche Schiebereien im Hintergrund geschehen … davor möchte er am
liebsten die Augen verschließen und sich von den Alltagsnöten ablenken lassen.
Ein Fußballfest genießen.
Außerdem hält man sich in Italien – und ganz besonders in Piagnolia
– gerne unabhängig von Obrigkeiten. Was geht einen die Partei, was geht einen
Rom an, wenn man im Dorf doch einfach mit Gemeinschaftssinn gut über die Runden
kommt. Man hilft sich gegenseitig und bleibt lieber unbemerkt, so unbemerkt,
dass die Steuern, die eigentlich abgeführt werden müssten das eben nicht
werden. Das hilft den Großgrundbesitzern, damit der Gemeinde und  letztendlich dem Gemeinwohl aller Bürger
Piagnolias. Agostino, der allseits beliebte Bürgermeister, versteht es
geschickt, diese Tatsache weder in Rom noch sonst wo ruchbar zu machen.
Aber niemand hat damit gerechnet, dass ein lange verloren
geglaubter Sohn Piagnolias den Weg in sein Heimatdorf zurückfindet – mit dabei
hat er einen Koffer voller Geld. Geld, dass ihm nicht gehört.
Gleichzeitig erfährt der Unterhändler der faschistischen
Partei, der damit betraut ist, die Übergabe eines mit Geld gefüllten Koffers an
Funktionäre des griechischen Fußballverbandes zu überreichen ein wahres Fiasko.
Der Koffer ist leer, bzw. mit Zeitungen befüllt, vom Geld fehlt jede Spur …
(Wett)Betrug gab es 
schon häufiger in der langen Geschichte des Fußballs und wenn man
ehrlich ist, kann man nicht so tun, als ob das etwas Neues wäre. Dass aber ein
Staat, eine Partei, der Duce himself 1934 die in Italien stattfindende WM so
massiv beeinflusst hat, dass Italien aus dieser nur als Farce zu bezeichnenden
Weltmeisterschaft als Sieger hervorging – wer weiß das heute  noch?
Die Aktualität allerdings ist durchaus gegeben.
Vielleicht war es genau diese Aktualität, die Matthias von Arnim dazu veranlasst hat, sich mit dem Thema aus historischer Sicht zu
beschäftigen – gibt das doch Raum für eine interessante Perspektive. Geschaffen
hat er dabei einen äußerst unterhaltsamen und gleichzeitig informativen
Roman, der als Nebenwirkungen eigene Recherche zum Thema und einen veränderten
Blick auf derlei Veranstaltungen hat. Geschickt verwebt von Armin den
historischen Hintergrund, die Tatsachen, mit fiktiven Ereignissen um das ebenso
fiktive Piagnolia, das mit seinen liebenswerten Bewohnern einen Hauch von „Don
Camillo und Peppone“
versprüht.
Nichts wirkt gestelzt oder hölzern, alles ist authentisch.
Die Werte des Gemeinsinns, des Zusammenhaltes, der Freundschaft
– hier findet man sie tatsächlich umgesetzt. Elf Freunde müsst ihr sein – aber
hier außerhalb der Platzes. Das Fußballspiel steht als verbindendes Element
zwar im Mittelpunkt der Geschichte, doch muss man als Leser weder ein Kenner
dieser Mannschaftssportart sein, noch sie mögen, um sich mit diesem Roman
bestens unterhalten zu fühlen.
Im Umgang mit den Obrigkeiten zeigen die Einwohner
Piagnolias eine wunderbare Cleverness – nichts wirkt plump sondern alles
sympathisch klug, was zur Rettung des verlorenen Sohnes und neuer Verbündeter
im Kampf für die Erhaltung der Autonomie getan wird. Land und Leute, sowie die
Atmosphäre der damaligen sind fein erfühlt und so gut umgesetzt, dass man bei
Lektüre fast vergessen mag, dass nicht die WM 1934 in Italien, sondern die WM
2014 in Brasilien ansteht.
Piagnolia mag zur Zeit noch ein Geheimtipp sein, hat
aber perspektivisch das Zeug dazu, auch hartgesottene Fans vom Fernseher weg in
den Lesesessel zu lotsen.

Piagnolia von Matthias von Arnim 
Broschiert: 288 Seiten 
Verlag: Die Werkstatt
Erscheinungsdatum: 24. Februar 2014 
ISBN: 978-3730700969

4 Replies to “[Rezension] „Piagnolia“ von Matthias von Arnim

  1. Vielen Dank für diese sehr passende und schöne Rezension und den kleinen Einblick hinter die Kulissen von König Fußball.

    Das Thema Fußball und gerade die WM/EM hinterlassen bei mir eh immer einen etwas bitteren Nachgeschmack. Es ist schon komisch, wie gut wir Menschen beherrschen einfach nicht richtig hinzusehen.

    LG

  2. @Krinkelkroken – Fußball war bei uns in der Familie immer ganz groß angesagt. Der beste Freund meines Dads ist 1968 (in meinem Geburtsjahr) mit dem 1.FCN Dt. Meister geworden ;))) Der war sowas wie mein Ziehvater … meine Eltern haben dem Glubb bis in die dritte Liga die Treue gehalten … da kann ich gar nicht anders. Baseball hat sich über mehrere Bücher hinweg eingeschlichen (das erste war mit Redford verfilmt "Der Unbeugsame" von Malamud, sollte ich mal rezensieren ;))), dann Dennis Lehanes "Im Aufruhr dieser Tage" und dann eben die Kunst des Feldspiels) – aber selbst fahre ich am liebsten Fahrrad!
    LG, Bri

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