Ich wollte euch
noch von einem großartigen Erlebnis bei meinem Besuch der Leipziger Buchmesse berichten: dem Treffen mit Helen Maslin,
der Autorin von „Darkmere Summer“. Leider gab es in der Zwischenzeit sehr viel
für mich zu tun, sodass ich meine Erlebnisse mit dieser wunderbaren Autorin noch nicht
teilen konnte. Doch aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben. Nachdem ich
mir etwas Zeit freischaufeln konnte, möchte ich euch heute von meinem Gespräch
mit Helen Maslin erzählen.

Zeitmangel ist ein beständiger Begleiter, seitdem mein
kleiner, wundervoller Sohn auf der Welt ist. Deswegen waren die Vorbereitungen
für das Interview auch ein wenig chaotisch. Zwei Tage vor meinem Besuch auf
der Buchmesse wurde dieser Termin recht kurzfristig festgelegt und trotzdem war
die Freude sehr groß, denn kurz zuvor hatte ich „Darkmere Summer“ mit
Begeisterung beendet. Zwischen meinen Diensten blieb mir nur wenig Zeit, um
Fragen zu finden und sie mit meinem grottenschlechten Englisch zu übersetzen.
Direkt vor dem Termin hätte ich am liebsten ein paar Beruhigungstabletten
geschluckt, denn meine Nerven lagen blank. Schließlich war es das erste
Interview, das ich auf Englisch führen würde. Nachdem ich von Anja Kemmerzell
(Programmleiterin von Chicken House), mit lieben und beruhigenden Worten, in
die Interviewkabine zu Helen Maslin geführt wurde, legte sich meine Aufregung
ein bisschen. Denn die Autorin war auch etwas aufgeregt, was sie gleich sehr
sympathisch machte. Nachdem wir uns kurz beieinander vorgestellt hatten, begann
ich meine Fragen zu stellen.

Zu allererst interessierte ich mich dafür, wie es dazu kam,
dass ihr Buch veröffentlicht wurde und wie Helen Maslin neben ihren zwei Söhnen
und einem Kunstklub, den sie leitet, überhaupt die Zeit zum Schreiben findet. Helen erzählte mir daraufhin, dass sie, nachdem sie mit dem Schreiben
von „Darkmere Summer“ begonnen hatte, das Manuskript einer Agentin zugeschickt hat. Danach
begann für sie eine lange Zeit des Wartens auf Feedback, in der sie etwas brauchte, das sie ablenkte und was sie im Unterrichten einer Klasse
von neunjährigen Kindern gefunden hat – denn diese Kinder haben ihre volle
Aufmerksamkeit gefordert. Schließlich bekam die Autorin endlich die Zusage von der
Agentin und diese berichtete ihr, dass Chicken House ihr Buch veröffentlichen
wollte. Nach dieser sensationellen Nachricht wollte Helen am liebsten
nur noch an ihrer Geschichte weiterschreiben, was jedoch nicht immer möglich war. Denn
neben dem Schreiben von „Darkmere Summer“ noch genug Zeit für ihre Kinder
zu haben, war die eigentliche Herausforderung.

Im Verlauf der Handlung von „Darkmere Summer“ entwickeln sich viele literarischen
Figuren und einige verändern sich sehr stark. Meine zweite Frage an Helen ergab
sich eigentlich schon, während ich dieses Buch gelesen habe, nämlich ob es
einen Charakter gibt, der sich in eine vollkommen andere Richtung entwickelt
hat, als die Autorin es eigentlich geplant hatte? In unserem Gespräch erfuhr
ich, dass sie alle Charaktere überrascht haben, aber eine literarische männliche Figur, die
Helen Maslin besonders für die Mädchen als sehr anziehend beschrieben hat,
entwickelte sich im Laufe des Schreibens gänzlich anders, als sie geplant hatte. Maslin musste alle weiblichen Charaktere, die sich etwas in diese Figur verliebt hatten, schließlich enttäuschen; denn es kristallisierte sich heraus,
dass diese literarische Figur tatsächlich homosexuell war. Um wen es sich handelt, werde
ich jetzt allerdings nicht verraten, weil ihr dieses Buch unbedingt lesen
solltet, sofern ihr es nicht schon getan habt.

In Helens Geschichte findet Kate das Tagebuch von
Elinor und erfährt einiges über Darkmere Castle und seine früheren Bewohner.
Und ich war neugierig und stellte der Autorin die Frage, in welchem Tagebuch sie
gerne stöbern würde, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätte.

Ihre Antwort hat mich überrascht, denn Helen würde
eigentlich gerne alle Tagebücher lesen, weil sie sich sehr dafür interessiert,
was in dem Inneren ihrer Mitmenschen vor sich geht. Gerne würde sie das Tagebuch eines glamourösen Menschen lesen, weil dessen Leben ja meist nie
so ist, wie es nach außen hin erscheint. Wenn sie jedoch die Tagebücher ihrer
Söhne finden würde, käme das Lesen dieser Geheimnisse nicht für sie infrage,
auch, wenn sie gerne erfahren würde, mit welchen Problemen sich ihre Söhne im
Moment begleiten, oder für welches Mädchen sie vielleicht schwärmen.
Die Vorstellung wirklich jedes Tagebuch zu lesen fand ich
gruselig, denn manchmal möchte man doch gar nicht alles erfahren, oder? Es gibt
ja nicht nur nette Menschen. Obwohl Helen Maslin sicher vieles enthüllen
würde, was sie in ihre nächsten Romane mit einbauen könnte!Die Kulisse von „Darkmere Summer“ erwachte, dank des sehr
bildhaften Stils der Autorin, beim Lesen vor meinem inneren Auge und wurde
lebendig und in mir wuchs die Neugier, ob es einen bestimmten Ort gibt, der Helen Maslin zum Schreiben dieser Geschichte inspiriert hat oder ob „Darkmere Castle“ vielleicht wirklich existiert. Die Autorin berichtete von mehreren
wunderschönen Ausflügen nach Devon, wo es ein sehr imposantes Schloss namens „Watermouth
Castle“ gibt. Dort gab es reichlich Inspirationen und dieses alte Anwesen mit
seinen verspiegelten Fenstern, den geheimnisvollen Schmuggler – Tunneln und seiner
Geschichte waren so eindrucksvoll, dass sie unbedingt ihr eigenes Anwesen für
ihr Buch erschaffen wollte. Ich finde, dass es ihr sehr gelungen ist.

„Darkmere Summer“ ist dank des sehr ausdrucksstarken und
bildhaften Schreibstils von Helen Maslin vergleichbar mit einem Gemälde,
das sich vor den Augen seines Betrachters bewegt. Weil ich um die künstlerische
Ader der Autorin wusste, wollte ich gerne wissen, welches Gemälde sie mit ihrem
nächsten Buch erschaffen wird. Und ob sie schon an einem neuen Buch schreibt
und ob es dann wieder bei Chicken House erscheinen wird. Helen berichtete,
dass sie aktuell an einer Geschichte während der Französischen Revolution
arbeitet. Und während sie von ihrer Idee erzählte, sah ich die Protagonisten
schon vor meinem inneren Auge mit den pompösen Ballonkleidern und den hohen
Frisuren a lá Marie Antoinette, durch die kleine Interviewkabine schreiten. In
diesem Moment wußte ich, dass – wenn dieses Buch erscheint -, es sofort in mein
Regal einziehen wird.
Helen erzählte aber auch davon, wie viel Druck jetzt auf ihr lastet, weil sie eine gewisse
Erwartungshaltung spürt (und ich habe den Druck mit meinem Wunsch nach mehr
Lesestoff von ihr weiter erhöht. Ja, so bin ich …) „Darkmere Summer“ konnte sie
völlig frei schreiben, ohne sich Gedanken über einen Abgabetermin machen zu
müssen. Das war leichter.

In letzter Zeit sind Romanverfilmungen besonders aus dem
Jugendbuch-Genre sehr beliebt. Deswegen musste ich Helen Maslin fragen, ob sie
es sich wünschen würde, dass ihre Geschichte auf der großen Leinwand zum Leben
erwacht. Und ob es vielleicht schon konkrete Pläne gibt. Leider verneinte die
Autorin diese Frage. Es gibt keine konkreten Pläne zu einer Verfilmung und ihre
Agentin meinte, es würde wahrscheinlich viel zu schwierig sein, die beiden
divergenten Handlungsstränge mit ihren verschiedenen Kulissen und Kostümen
umzusetzen.
Anja Kemmerzell brachte mich nach dieser Aussage mit ihrem lauten
Protest: „No, no, noooooooo!“ zum Lachen, denn auch ich hätte es am liebsten
lauthals von mir gegeben. Wie waren uns einig, dass „Darkmere Summer“ sehr viel
Potenzial für einen Film hat – und in Hollywood ist doch schließlich nichts
unmöglich! Es entbrannte eine lebhafte Diskussion über Filme, die mit zeitlich
versetzten Handlungssträngen versehen wurden. Diese widerlegten die Aussage von
Helen Maslins Agentin und einen Schauspieler für den Film „Darkmere Summer“
haben wir auch schon gefunden, denn Helen Maslins Bruder Charlie ist Schauspieler und
er würde sicher gerne eine Rolle übernehmen. Helen, wenn Du diesen Post liest, dann verrate uns bitte, welche Rolle Charlie deiner Meinung nach übernehmen sollte!

Als Bloggerin interessierte mich vor allem, ob Helen Maslin
überhaupt Kritiken von Bloggern liest und ob sie sich vielleicht auch mal auf
einen deutschsprachigen Blog verirrt. Helen Maslins antwortete prompt mit
einem: Ja, sie liest sehr gerne Kritiken und freut sich immer wieder darauf zu
erfahren, wie ihre Geschichte ankommt. Die Autorin freut sich sehr über die
positiven Meinungen. Ihr sind jedoch auch die kritischen Rezensionen sehr
wichtig, und versucht sich nicht davon runterziehen zu lassen und etwas aus den
Kritiken für sich mitzunehmen, um sich zu verbessern.

Helen Maslin hat Geschichte und Kunstgeschichte studiert,
deshalb habe ich sie gefragt, ob es ein historisches Ereignis, über das sie
gerne schreiben würde. Als sie antwortete, merkte ich sofort, dass ich mit dieser Frage
einen Nerv getroffen hatte. Sie berichtete, dass sie furchtbar gerne über die
im Mittelalter stattgefundenen dramatischen Hexenverbrennungen schreiben würde.
Darüber, wie viel Macht Männer über die verrufenen Frauen hatten und darüber
entscheiden durften, ob diese wirklich Hexen sind und somit über Leben und Tod bestimmten. Auch dieses Buch würde ich sofort lesen!

Natürlich darf eine Frage bei einem Interview mit einer
Autorin niemals fehlen: Welche Geschichten lesen Sie selbst am liebsten? Mit
einem Schmunzeln im Gesicht (die Frage wurde ihr sicher des Öfteren gestellt)
antwortete Helen Maslin, dass sie die Geschichten von Jane Austen und den Schwestern Brontë liebt, im Moment aber auch sehr gerne Jugendbücher, wie die
Geschichten von Laini Taylor und Suzanne Collins liest. Sie mag Bücher, bei
denen man ab der ersten Seite in eine andere Welt abtauchen kann. Und schon
hatten wir wieder ein Thema gefunden, über das wir eine Weile plauderten. Doch
dann war unsere gemeinsame Zeit leider auch schon fast vorbei …

Die laut eigenen Angaben schlechteste Fotografin aller
Zeiten (Anja Kemmerzell) machte zum Schluss dann noch ein paar sehr schöne
Fotos von Helen Maslin und mir.

Als ich vor dem Interview nach einigen Informationen über
Helen Maslin gesucht habe, fand ich heraus, dass sie Kuchen liebt. Da mir
jedoch die Zeit fehlte, um ihr einen Kuchen zu backen, oder ihr ein Rezept von
meiner Oma auf schönem Papier zu verewigen, habe ich ihr kurzerhand einen
Kuchen aus Marzipan von Niederegger mitgebracht, über den sich Helen wirklich
gefreut hat.

Dieses Interview war eine wunderschöne Möglichkeit für mich
den Menschen hinter einem wundervollen Buch „Darkmere Summer“ zu treffen.
Helen Maslin habe ich als einen wirklich warmherzigen und sehr sympathischen
Menschen kennengelernt, der sich wirklich mit seinem Gegenüber auseinandersetzt.
Bei vielen Schriftstellern hat man das Gefühl, das sie den Menschen, denen sie
während eines Interviews begegnen, nach dem geführten Gespräch sofort
vergessen. Deswegen war ich wirklich erstaunt, dass Helen mich am
darauffolgenden Tag wiedererkannte und sich gut an Details aus unserer
Unterhaltung erinnern konnte. Spätestens seitdem bin ich ein richtiges Fangirl.

Vielen Dank an Chicken House und Anja Kemmerzell für diese schöne Möglichkeit. Und vielen lieben Dank Helen für Deine offenen Antworten und die schöne, wenn auch aufregende Zeit.

 

2 Replies to “[Interview] Nachgefragt bei Helen Maslin

  1. Aw, thank you, Katrin! It was so much fun meeting you and this is such a lovely post. I would love to write a book that could be made into a film one day – and knowing my brother, I suspect Charlie would insist on playing ALL the roles! I hope I'll see you again sometime. Thanks again xx

  2. @Helen:
    I am pleased that you like it. I would also love to see you again! And then there's cake indeed. Maybe after you've published the next book 😉
    Would he play all roles? Wow! Go Charlie!

    Thank you xx

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