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Für 2019 habe ich mir vorgenommen, wieder häufiger ältere Bücher zu lesen. Mir geht es ähnlich wie vielen von euch: Mein SuB wächst und wächst. Trotzdem schiele ich mit einem Auge ständig auf die Neuerscheinungen.

Als eines der ersten Bücher habe ich „Shining“ von Stephen King (1977) vom Stapel befreit. Muss man mal gelesen haben, dachte ich. Außerdem hat der King in letzter Zeit zwei Novellen herausgebracht, die gefallen haben. Shining also!

Zur Handlung muss nicht viel gesagt werden. Die Verfilmung aus dem Jahr 1980 von Stanley Kubrick wird bis heute als einer der besten Horrorfilme aller Zeiten gelistet, wenn auch nicht von King selbst, der den Film nie besonders mochte.

Urlaub in Colorado? nö… lass mal

Das berühmte Filmplakat, auf dem Jack Nicholson irre durch die mit der Axt zerschlagene Tür grinst, spricht Bände. Was, wenn ein psychisch labiler Vater einen ganzen Winter lang mit Frau und Kind in einem gruseligen alten Hotel in den Bergen von Colorado eingeschneit ist? Was, wenn in diesem Hotel in der Vergangenheit soviel Schlimmes passiert ist, dass sich das Böse darin eingenistet hat und nur darauf lauert, Besitz von seinen Besuchern zu ergreifen?

Shining – der sechste sinn

Kings Romane beginnen oft mit unheimlichen Gedankenexperimenten. Hier kommt eine weitere originelle Idee hinzu: das Shining. Der Titel bezieht sich auf die übersinnlichen Fähigkeiten von Danny Torrance. Danny kann in die Zukunft blicken, Gedanken und Stimmungen von Menschen spüren und weiß von Beginn an, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Aber er ist noch klein und kann nicht verhindern, dass Vater Jack einen Hausmeisterjob im abgelegenen Overlook-Hotel annimmt. So kommt es, wie es kommen muss: Jack dreht langsam aber sicher durch.

Die Geschichte kann auch heute noch unterhalten. Ich mochte vor allem den Anfang, wenn man bereits ahnt, was kommt, aber miterleben muss, wie die Familie Stück für Stück ins Unglück rennt. Dannys Visionen hatten für mich eine besondere Spannung, die mich ganz kribbelig machte. Ich wollte innerlich schreien: „Nein! Fahrt nicht! Vergesst das Hotel! Schlechte Idee… gaaaanz schlechte Idee!“ Erzählerisch ist der Meister des Horrors in Höchstform.

Murmel, murmel, brüll

Die Figuren sind gut gelungen. Wie nicht anders zu erwarten, zeichnet Stephen King die Persönlichkeiten detailliert, was auch nötig ist, um zu verstehen, warum sich Wendy und Jack Torrance überhaupt auf eine solche Extrem-Situation einlassen.

Zur Mitte hin gibt es leider die kingtypischen Längen. Es wird nicht Jedermanns Sache sein, Seite um Seite in den immer abgedrehteren Gedanken eines durchgeknallten Hausmeister-Schriftstellers zu dümpeln. Genau solche Szenen gibt es aber zuhauf. Unzählige Kellerbesuche, während derer Jack in alten Hotelakten wühlt, dabei immer besessener wird, vor der Schreibmaschine hockt, mal vulgär vor sich hinmurmelnd, mal brüllend. Mir war das oft zu zäh.

Kubrick wohl auch. Für den Film, den ich mir im Anschluss direkt mal angeschaut habe, hat er solcherlei Irrsinn rigoros eingestampft. Interessanterweise kritisiert King an der Verfilmung vor allem die seiner Ansicht nach fehlende Hauptperson der Geschichte – das Hotel selbst bzw. dessen Anteil an Jacks Abdriften in den Wahn. Diese Kritik würde ich allerdings an King zurückgeben. Der Weg von der Realität in die Illusion, vom (fast) normalen Menschen zum Psychopathen war doch recht sprunghaft, eine willkürliche Abfolge von Phantasmen, zwischen denen Jack immer wieder völlig klar zu sein schien und die Rolle des Hotels seltsam isoliert wirkte. Positiv zu erwähnen ist, dass im Buch – im Gegensatz zum Film – Jacks Alkoholsucht sowie Erlebnisse in der Kindheit stärker beleuchtet werden, was wiederum die Labilität der Person besser erklärt.

Oh Danny boy

Obwohl die klaustrophobische Atmosphäre der Einsamkeit sowohl im Buch, als auch im Film greifbar sind, geht der Punkt klar an die Verfilmung. Die Szenen, in denen Danny mit seinem Dreirad durch lange, menschenleere Flure des Overlook fährt, sekundenlang auf die verschlossene Tür des legendären Raums 237 (im Buch Zimmer 217) starrt, während der Zuschauer sich perspektivisch direkt hinter ihm befindet und dabei kaum zu atmen wagt, sind so effektvoll wie unvergesslich. Auch die Idee des riesigen Heckenlabyrinths, das die lächerlichen Buschtiere des Buches ersetzt, war ein kluger Schachzug und tröstet über einige klischeehafte Entscheidungen und Verhaltensweisen der Akteure hinweg, von denen sich auch die literarische Vorlage nicht freisprechen kann.

Alles in allem ein spannendes Buch und ein sehenswerter Film, beide aus heutiger Sicht nicht ganz klischee- und längenfrei, aber originell, schaurig, ohne starke Ekeleffekte. Ich habe auf jeden Fall Lust auf die 2013 erschienene Fortsetzung „Doctor Sleep“ bekommen, die sich dem erwachsenen Danny Torrance widmet und mit Ewan McGregor offenbar verfilmt wird.

Noch ein Tipp: Wer Hörbücher mag, hat hier richtig Glück. „Shining“ wird von Dietmar Wunder gelesen. Und zwar WUNDERbar. Ich habe reingehört. Keiner hätte den durchgeknallten Jack besser sprechen können. Wunder sabbelt und zischt und flucht und schreit, dass ich Angst bekommen habe. Wahnsinn. Im wahrsten Sinne!

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Shining von Stephen King
Übersetzung: Harro Christensen
Taschenbuch: 624 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe
Erscheinungsdatum: 30. April 1985
ISBN: 978-3404130085

One Reply to “[Buch- und Filmrezension] „Shining“ von Stephen King”

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