Das
Interessante am Bloggen ist, dass auch ungewöhnliche Bücher den Weg in den
eigenen Bücherschrank (bzw. auf den eigenen E-Book-Reader) finden, die unter
anderen Umständen vielleicht niemals dort gelandet wären. Auf diese Weise sind
mir in jüngster Zeit einige Debütromane zugefallen – darunter „Leons Erbe“ von
Michael Theißen. Ihr erinnert euch vielleicht? Ich bin immer noch auf der Suche
nach einem richtig guten Thriller! Und – das sage ich besser gleich – ich bin
es weiterhin. Denn „Leons Erbe“ und ich … das war eine ausgesprochen zermürbende Liaison.                              

Normalerweise
gebe ich mir Mühe, in meinen Rezensionen immer auch positive Aspekte eines
Buches zu benennen, steckt doch in allen Romanen unheimlich viel Zeit und
Energie, insbesondere in einem Debüt. Aber so leid es mir tut, „Leons Erbe“
stellt mich in dieser Hinsicht ehrlich vor Schwierigkeiten. Schreibstil, Story
und Ausarbeitung der Geschichte empfand ich schlichtweg als schwach und so gehe
ich nun schon seit einigen Tagen mit meiner Rezension schwanger und befürchte
eine schwere Geburt.

Der
Thriller ist bislang lediglich als E-Book bei Bastei Lübbe erschienen; auf
dem Cover zu sehen ist ein hübsches Perlenarmband, welches auch der Grund dafür
ist, warum ich mich durch mehrere hundert Seiten bis zur Auflösung arbeiten
musste. Denn wäre Protagonistin Katja auf Zack gewesen,
hätte sie das Rätsel um ihren toten Sohn und ihre verschwundene Schwester schon
auf den ersten Seiten gelöst.

Alles
beginnt mit dem Anruf eines Notars, dem Schüler Leon kurz vor einem tödlichen
Autounfall ein Päckchen für Mutter Katja übergeben hat. Diese sucht den Notar
auf, öffnet das Paket, entdeckt obiges Armband ihrer seit Wochen verschwunden
Schwester, verliert das Bewusstsein und kommt kurz darauf in einer Seitenstraße
zu sich. Anschließend fährt sie nach Hause. Das Päckchen vergisst sie bei dem
Notar, ebenso den darin enthaltenen entscheidenden Hinweis, der alle Fragen klärt und die
komplette Geschichte überflüssig gemacht hätte. 
Einen
Roman mit einem solchen Faux Pas der Heldin zu beginnen ist an sich schon
unglücklich gewählt und wenig dazu geeignet, den Leser für die Protagonistin
einzunehmen, leider baut Michael Theißen auch im weiteren Verlauf zu häufig auf
Fehler der Figuren, Zufälle und künstlichen Spannungsaufbau, was möglicherweise
darauf zurückzuführen ist, dass der Autor zu restriktiv auf einen formal
korrekten Thrillerverlauf geachtet hat, statt sich intensiver um eine
Charakterzeichnung zu bemühen. Dafür spricht auch die häufige Verwendung von
Phrasen, etwa „Aber irgendein Gefühl
sagte mir, dass ich unbedingt noch bleiben musste.“
 

Der
Schreibstil ist positiv gesprochen leicht lesbar, negativ gesprochen zu
eindimensional. Oft fehlen Sinneseindrücke, um Szenen spürbar zu machen. Da, wo
Theißen dann wieder mit Empfindungen arbeitet, wirkt es oft übertrieben und
deplatziert: „… doch der Wind blies mir
so stark entgegen, dass ich auf halber Strecke nicht mehr weiterlaufen konnte.
Erschöpft blieb ich stehen und versuchte tief ein- und auszuatmen.“
                                 

Der
lockere Plauderton, in dem die Geschichte erzählt wird, war aber wohl
maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich die Ereignisse einfach nicht
nachvollziehen konnte. Es war für mich nicht fühlbar, dass Katja soeben zwei
ihr nahestehende Menschen verloren hat. Auch die tragische Auflösung erreichte
daher letztlich nicht mein Herz. Ich will
damit nicht sagen, dass die Geschichte per se unglaubwürdig ist, aber die
familiäre Tragik und die Verwicklungen, die hinter dem Rätsel um Leons Tod und
dem Verschwinden der Schwester stehen, hätten einfach mehr Tiefe bedurft.

WERBUNG
Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung
Leons Erbe von Michael Theißen
Format: Kindle Edition 
Dateigröße: 1855 KB 
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 232 Seiten 
Verlag: Bastei Entertainment
Erscheinungsdatum: 2. Mai 2016 
ASIN: B01CNZ9N98

7 Replies to “[Rezension] „Leons Erbe“ von Michael Theißen

  1. Schade, dass dich das Buch nicht wirklich überzeugt hat. Es liegt noch bei mir auf dem SuB und ich werde es als nächstes in Angriff nehmen – nach dem Lesen deiner Rezi in dem ein oder anderen Punkt wahrscheinlich etwas kritischer 🙂
    Wenn du einen guten Thriller suchst: Ich kann dir "Fremdes Leben" von Petra Hammesfahr nur ans Herz legen! Ich war mega-begeistert: http://buch-leben.blogspot.de/2016/05/hochspannung-auf-500-seiten-fremdes.html

    Viele Grüße
    Jasmin

  2. Danke für deine ehrliche – und wie immer gut dargebrachte – Kritik! Ich würde mir als Autor solche Feedbacks wünschen – da kann man doch beim nächsten Mal einiges besser machen.
    Zu Petra Hammesfahr (s.o.): Sag mir Bescheid, falls dich das tatsächlich begeistern sollte, ich habe mal eines von ihr gelesen, weil es in der Bahnzeitschrift empfohlen wurde und war entsetzt von Schreibstil und Hausfrauen-Weisheiten à la 50er Jahre – eines der schlimmsten Bücher ever. Falls also nicht alle von ihr so sind, versuche ich es auch gerne nochmals. 🙂

  3. Als ich das Cover in meiner Blogger-Timeline entdeckte, dachte ich mir sofort: über dieses Buch möchtest du mehr erfahren! Schade, dass der Inhalt so enttäuschend war.
    Mir hat deine Rezi richtig gut gefallen. Ich finde, du hast die Kritik offen und vor allem gut begründet dargelegt.
    Als mehr oder weniger aktuellen Thrillertipp empfehle ich dir die "Post Mortem"-Reihe von Mark Roderick. Hast du die schon gelesen?
    Liebe Grüße
    Anka

  4. Huhu!

    Ich hab erst vor kurzem irgendwo ein Banner Display für dieses Buch gesehen, das Cover mit dem Armband drauf ist mir in Erinnerung geblieben … Vielleicht weil es unter den aktuell sehr ähnlichen Thriller-Covern (entweder hell oder dunkel) doch etwas herausragt? Ich weiß nicht genau. Nach deiner Rezi bin ich mir allerdings nicht sicher, ob ich mir das Buch geben will. Der Auftakt (Päckchen, Notar, Armband, Ohnmacht, Vergessen) klingt schon sehr an den Haaren herbeigezogen, brrr.

    Wobei ich dir beipflichte: Gute Thriller zu finden, ist wirklich nicht einfach. Vor allem weil sie irgendwo dann doch alle demselben Schema folgen – und nicht alles, was gehypt wird, ist meiner Meinung nach wirklich gut. Gut gefallen haben mir die Thriller von Andreas Gruber, die würden mir als erstes für eine Empfehlung einfallen. Kommt aber auch drauf an, wie dein Geschmack ist, es gibt mittlerweile ganz schön viele Autoren, die ihre Fans haben :D.

    Liebe Grüße
    Marie

  5. Huhu Lex,

    Mich konnte die Handlung auch nicht überzeugen. Katjas Verhalten war für mich irgendwie irrational und generell gab es bei Leons Erbe zu viel von allem. Meiner Meinung hätte Theißen statt seine übersprudelnden Ideen alle in einen Thriller zu packen, seine Ideen besser auf mehrere Bücher verteilt 😉
    Ich werde den Autor auf jeden Fall trotzdem im Auge behalten, mal schauen, ob es sich bessert. Potenial ist ja defifnitiv da .

    Liebe Grüße vom Lesemonsterchen Dani

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