"Der Weg der gefallenen Sterne" von Caragh O'Brien, Jugendbuch, Dystopie
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Wer die beiden ersten Bände der dystopischen Birthmarked-Trilogie,
Die Stadt der verschwundenen Kinder und Das Land der verlorenenTräume, nicht kennt, sei vor möglichen Spoilern gewarnt und sollte diesen
Beitrag lieber nicht lesen. Lest stattdessen die Vorgänger, es lohnt sich!

Nachdem Gaia Stone zur Anführerin Sylums gewählt wurde,
steht fest, dass für ein sicheres Fortbestehen der Bevölkerung das Verlassen
der tödlichen Sümpfe obligatorisch ist. So gründet sie New Sylum und begibt
sich mit allen Anhängern auf die große Reise durchs Ödland Richtung Enklave, wo
es Wasser und Platz genug für jeden geben sollte. Doch vor den Toren der Stadt
muss sie feststellen, dass sich viel in ihrer alten Heimat verändert hat:
Während vor der Mauer die ärmlichen Bürger Wharftons mehr denn je zur Rebellion
bereit sind, hat sich die unerbittliche Einstellung des fanatischen Protektors,
der nicht vor Folter und Genozid zurückschreckt, verschlimmert. Als er
schließlich ein Versprechen bricht und der jungen Hebamme stattdessen ein äußerst
inhumanes Ultimatum stellt, fasst sie einen Entschluss: Es ist an der Zeit, die
Mauer endlich niederzureißen…

Caragh O’Brien überzeugte mich bereits mit den beiden
Vorgängern der futuristischen Trilogie, deren Hauptthematik sich um das Überleben
der Menschheit, das durch genetische Fehlentwicklungen bedroht ist, dreht. Sie bleibt
auch im dritten Band ihrer bisherigen Linie treu, will heißen: Einmal angefangen,
legt der Leser das Buch erst nach der allerletzten Zeile aus der Hand. Die Autorin
versteht es, die Spannung von Kapitel zu Kapitel aufrechtzuerhalten und
verpasst der Reihe ein überzeugendes Ende.

Dabei kommt dieser Roman nicht ganz ohne Schwächen daher.
Die junge Protagonistin Gaia Stone beispielsweise ist nicht makellos. Ihre
Entscheidungen haben oft schlimme Entwicklungen zur Folge, sie wirkt zeitweise unreif
und idealistisch, was anderen bisweilen gehörig schadet. Natürlich steht sie
stets und überall im Mittelpunkt, denn sie ist die beste Hebamme, die beliebteste
Anführerin, diejenige mit der begehrten Blutgruppe, die einzige mit wichtigem
Hintergrundwissen. Zufällig ist es ihr Bruder, der für die Realisierung der
finalen Pläne unabkömmlich ist. Der kennt sie bis dato zwar gar nicht, ist aber
natürlich sofort auf ihrer Seite um gegen seinen eigenen Führer vorzugehen.
Zwei ihrer wichtigsten Vertraute sind die Chardo-Brüder, denen sie zwar falsche
Hoffnungen gemacht hat, weswegen der eine am Pranger gelandet ist, die aber
selbstverständlich aus lauter Liebe zu ihr weiterhin ihr Leben für sie
riskieren. Obwohl sie inzwischen mit jemand anderem zusammen ist. Dieser Jemand
ist Leon, der Sohn des Protektors, den sie ebenfalls im Stich gelassen hat und der
ihr inkompetentes Führungskonzept einfach untergräbt, indem er selbst heimlich
die Dinge in die Hand nimmt. Das alles hört sich alles undurchdacht und
anstrengend an, meint ihr jetzt, nicht wahr?

Ist es aber keineswegs. Wenn man mit einem reflektierten,
objektiven und realistischen Anspruch an dieses Buch geht, wird man
höchstwahrscheinlich bald aufgeben. Aber Trivialliteratur muss nicht
realistisch sein. Sie soll vor allem unterhalten. Und das tut dieser Roman von
der ersten bis zur letzten Zeile. Dieser phänomenale Abschluss der Reihe läuft
geradezu über vor mitreißenden Motiven und spannenden Handlungssträngen, die
allesamt vom Leser verschlungen werden. Die gesamte Handlung wird durchzogen
von zarter Romantik und großen Gefühle, enttäuschten Hoffnungen und erfüllten
Träumen, bedingungsloser Freundschaft und erbitterter Feindschaft; grausame
Morde und traurige Todesfälle werden von hoffnungsvollen Geburten und
unerbittlichem Lebenswillen abgelöst; grenzenlose Liebe und fanatischer Hass
führen zu revolutionären Umstürzen, idealistischen Kämpfen und der Etablierung
neuer Werte. Gaia, so fehlerhaft sie sich auch verhalten mag, wirkt so
menschlich und eigensinnig, dass man sie einfach in sein Leserherz schließen
muss und mit ihr all die anderen Menschen, die sie auf ihrer Reise begleiten.
Die Autorin hat Figuren geschaffen, die man liebt oder verabscheut, die aber
niemals wirkungslos bleiben.

Zum Sprachstil möchte ich ausnahmsweise nicht viel sagen
und das soll hier als Kompliment gemeint sein. Denn die Handlung ist so rasant,
dass ich weder Zeit noch Lust hatte die Formalitäten zu analysieren. Ich wollte
einfach wissen, wie es weitergeht. Und das ist ein sehr, sehr gutes Zeichen.
Ein einziger Fehler ist mir beim Lesen aufgefallen – und der war auch noch so niedlich,
dass ich mich darüber gefreut habe: die schreckliche Unfurchtbarkeit (gemeint
war Unfruchtbarkeit).

Jeder einzelne Band der Birthmarked-Trilogie ist enorm
empfehlenswert. Die Reihe überzeugt durch konstant gehaltene Spannung. Neue
Ideen und Wandlungen werden von der Autorin eingebaut, ohne dass die Handlung
ins Absurde zu rutschen droht. Das große Finale lässt den Leser höchst
befriedigt, aber auch mitgenommen zurück. Wer sich mit Gaia Stone auf die Reise
begibt, der wird lachen, trauern, mitfiebern, wüten und lieben – kurz: Man wird
fabelhaft unterhalten. Für mich war Caragh O’Brien die beste Debutautorin der
letzten Zeit mit einer der besten Jugend- Dystopien, die ich gelesen habe.

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Birthmarked – Der Weg der gefallenen Sterne von Caragh O´Brien
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Erscheinungsdatum: 1. April 2013
ISBN: 978-3453267435

7 Replies to “[Rezension] „Der Weg der gefallenen Sterne“ von Caragh O’Brien

    1. Du bist so süß. Vielen Dank für das Kompliment. Aber ich ich glaube nicht, dass er dich missen wollte. Und wenn doch, kannst du gerne bei mir einziehen, ich habe (noch) genug Regalplatz – oder wir mieten die Nachbarswohnung dazu. 😀

    2. Hahaha! Danke für das Angebot! Ich glaube wir könnten dann eine Bibliothek eröffnen!
      Meine Bücher haben schon ihr eigenes Zimmerchen.

      Nein ich denke wegen der vielen Bücher wird er mich wohl nicht verlassen 😉 Hoffe ich!
      LG

    1. Danke, das hört man gerne. Trivial muss ja nicht immer schlecht sein. Es kann auch heißen, dass es einfach Unterhaltungsliteratur ist. Und Hohe Literatur ist es nunmal nicht, das ist sicher. So oder so ist die anze Reihe sehr lesenswert. Für mich durch die Mischung an politisch-soziologischer Brisanz und mittelalterlichem Flair ein Dystopie-Highlight!

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