Von Labyrinthen, Irrgängen und Brettern, die die Welt
bedeuten
 

Gustava steht als Jungfrau von Orléans
auf der Bühne des Wiener Burgtheaters, als ihre Mutter im Wahnsinn versinkt.
Was gibt es da anderes, als schnell in der Pause, heimzuflitzen und zu
organisieren, dass die Nachbarin versucht, Mimi zu beruhigen und bei ihr zu
bleiben. Obwohl die Nacht turbulent wird und Mimi immer wieder von den Königen
unter ihrem Bett spricht, ist am nächsten Tag bei ihr nichts mehr von der
Aufregung zu verspüren.

Die Schübe, die Gustavas Mutter nun in regelmäßigen und
immer kürzer werdenden Abständen in eine andere Welt schicken, in der niemand
außer ihr selbst Zutritt erhält, sind massiv und zwingen Gustava letztendlich
dazu, ihre gerade so fulminant angelaufene Karriere als Schauspielerin zunächst
auf Eis zu legen. Gleichzeitig sieht sie die Möglichkeiten zu erfahren, wer ihr
Vater ist, schwinden.

Was auf den ersten Blick eher deprimierend klingt, hat Ivana Jeissing frisch, heiter
und atmosphärisch luftig in einen charmanten Roman gepackt. Und das ist eine
Kunst, die sie offensichtlich perfekt beherrscht.

Erschienen ist das Buch in einem Verlag, den ich sehr
schätzte, weil er keine ausgetretenen Pfade betrat, sondern mich immer wieder
mit wunderbar andersartigen Büchern, die noch dazu sehr schön gestaltet waren,
überrascht hat. Leider muss ich tatsächlich in der Vergangenheitsform
schreiben, denn der METROLIT Verlag wurde – zumindest für das Frühjahrsprogramm
2016 – auf Eis gelegt. Die bisher erschienenen Bücher sind noch lieferbar, was
ein großes Glück ist. Ich hoffe sehr darauf, dass es im Herbst wieder weiter
gehen kann oder dass sich der findige frühere Verlagsleiter Peter Graf mit
seinen zurückerworbenen Markenrechten des Walde+Graf Verlags wieder an etwas
Eigenes wagt. Denn es gibt meiner Meinung nach zu wenige Verlage, die sich so
wie früher Walde+Graf der Literatur annehmen, die zwar vielleicht nicht durch
hohe Verkaufszahlen, aber durch Qualität bestechen.

Ivana Jeissing jedenfalls hätte es mit ihren Wintersonnen mehr als verdient,
bekannter zu werden, als es für mich derzeit den Anschein hat. Sie besitzt die
Gabe, verschiedene Themenkomplexe zu einem stimmigen Bild zu komponieren. Sei
es nun die Kunst der Gartengestaltung über die Zeiten oder die Liebe zum
Theater. Beides verflicht sie mit bewundernswerter Leichtigkeit und bildet
damit einen ungewöhnlichen Rahmen für Gustavas Suche nach ihrem Vater und sich
selbst. Jeissings Sprache mag für manchen Leser etwas ungewohnt oder altmodisch klingen, ich fand sie
bezaubernd. Ebenso wie ihre Figuren, die diese Sprache sprechen. Sie scheinen
aus einer anderen Zeit zu stammen. Aus einer Zeit, in der man sich noch um die
wichtigen Dinge des Lebens gekümmert hat, um die Menschen, die einem nahestehen
und zwar nicht nebenbei und zwischen zwei WhatsApp
Nachrichten.

Direkt ist Jeissings Geschichte. Sie zeigt eine junge Frau,
die von Wien nach Berlin zieht, sich dort etwas aufbaut, Menschen trifft, die
ihr fast so etwas wie eine Familie sein können. Eine sympathische junge Frau
auf der Suche nach sich selbst, die sich nicht aufgibt und vor allem ihren
Traum nicht aufgibt: einmal wieder eine richtige Hauptrolle zu spielen – auf
den Brettern, die ihr die Welt bedeuten.

Nur eine Sache habe ich tatsächlich bedauert: das Buch nicht
schon früher in die Hand benommen zu haben. Ivana Jeissing jedenfalls werde ich
im Auge behalten und hoffe, sie findet noch viele Geschichten,
die sie uns in ihrer charmanten Art erzählen will.


Wintersonnen von Ivana Jeissing 
Gebundene Ausgabe: 260 Seiten 
Verlag: Metrolit
Erscheinungsdatum: 21. August 2015 
ISBN: 978-3849303716

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