"Holmes und ich – Die Morde von Sherringford" von Brittany Cavallaro, Jugendbuch
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Da ich ein absoluter Sherlockfan bin, habe ich mich auf den
Roman „Holmes und ich – Die Morde von Sherringford“ von Brittany Cavallaro besonders gefreut und vielleicht
ein bisschen zuviel erwartet. Leider wurde ich mit dem Jugendbuchdebüt der US-Amerikanerin
nicht ganz warm. Zuwenig Kriminalfall und zuviele Beziehungsprobleme ließen
mich nicht so recht in die Geschichte finden. Und das, obgleich die Autorin viele
Ähnlichkeiten zu den berühmten Vorbildern schafft und mehrfach auf Doyles
Geschichten Bezug nimmt. Aber vielleicht liegt genau hier das Problem!

Erzählt wird der Roman (wie könnte es anders sein) aus der
Sicht von Jamie Watson, Nachfahre des berühmten Dr. John Watson, treuer
Begleiter und Chronist von Sherlock Holmes. Jamie hat ein Stipendium in einem Elite-Internat
in den USA bekommen und verlässt schweren Herzens das gute alte London. Allerdings
kann er es kaum erwarten dort die gleichaltrige Charlotte Holmes kennenzulernen,
deren Vorfahre einst der beste Freund von Dr. Watson gewesen ist. Obgleich
Jamie sich vom ersten Moment an magisch von der verschlossenen Charlotte angezogen
fühlt, scheint diese nichts für den angehenden Schriftsteller übrig zu haben. Erst
als ein Mitschüler ums Leben kommt und Jamie und Charlotte des Mordes
verdächtigt werden, kommen sich die beiden näher …

Die Idee, einen Kriminalfall von Nachfahren des berühmten
Ermittler-Duos in der heutigen Zeit lösen zu lassen, fand ich erst einmal toll.
Nicht überzeugt hat mich die Umsetzung. Die Autorin versucht die Figuren nahe
an den Originalen zu halten, spickt deren Biografie aber mit schweren Kindheits-
und Jugenderlebnissen und mixt alles mit den einseitigen Liebesgefühlen von Jamie
Watson. Alles zusammen ließ die Charaktere für mein Empfinden einfach nicht wie
glaubwürdige Jugendliche des 21. Jahrhunderts wirken.

Charlotte ist ein unabhängiger, sturer Charakter – ganz
„Sherlock“ ist sie musikalisch, hochintelligent, aber arrogant und maßlos, was
den Konsum von Drogen angeht. Leider fehlt ihr dabei häufig die beherrschte
Souveränität eines Sherlocks. Sie dominiert die Geschichte mit unberechenbaren
Stimmungsschwankungen und teilweise ausgesprochener Gefühlskälte. Jamie Watson ist
zwar grundsätzlich ein sympathischer Typ, aber verbissen und ernst und ohne die
nüchterne, augenzwinkernde 
Beobachtungsgabe eines Dr. Watson.  Am meisten störte mich Jamies regelrechte
Besessenheit von Charlotte, die ich einfach nicht verstehen konnte. Von Anfang
an glaubt er an eine schicksalhafte Verbundenheit mit Holmes – was zwar
angesichts der Stammbäume verständlich ist, mir persönlich aber nicht
ausgereicht hat, um zu erklären, warum er sich so vorbehaltlos in ein Mädchen
verliebt, das ihn immer wieder vor den Kopf stößt.

Irgendwie unpassend für ein Jugendbuch fand ich auch die
Herausstellung von Charlottes’ Drogenproblem. Was in den Doyle’schen Originalen
eher subtil eingebaut ist, artet hier mehrfach in offene Bekenntnisse und
Drogenexzesse aus.

Während ich insgesamt
um eine einfache, hormonfreie Freundschaft zwischen beiden trauerte, musste ich
mich immer wieder selbst an die Fakten zum eigentlichen Mordfall von Sherringford
erinnern, der seitenweise in Vergessenheit geriet. Die Fäden der Haupthandlung laufen
erst im letzten Viertel wirklich zusammen.


Da das Buch dennoch viele Freunde gefunden hat, könnte ich
mir vorstellen, dass ein zweiter Band folgen wird. In diesem Fall wäre es
schön, wenn die Autorin sich ein wenig von dem Dogma des Originals lösen könnte,
die Charaktere mit mehr Leichtigkeit angeht und den eigentlichen Plot stärker
heraus arbeitet. 

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Holmes und ich – Die Morde von Sherringford 
Originaltitel: A Study in Charlotte
Übersetzer: Anja Galic

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten 
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum: 19. Februar 2016 
ISBN: 978-3423761369 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 – 16 Jahre

2 Replies to “[Rezension] „Holmes und ich – Die Morde von Sherringford“ von Brittany Cavallaro

  1. Also ich will kein TKKG-Moral-Apostel sein, aber Drogen in Jugendbüchern/-serien zu verharmlosen ist nicht so pralle. Mich hatte schon immer der fehlende Aufschrei bei Gossip Girl etc gewundert – aber jetzt scheint das auch die literarische Welt zu übernehmen.

  2. "TKKG-Moralapostel"… Lach 😉 Nein, das möchte ich bitte auch nicht sein. Mich hat nur gewundert, wie die Drogenproblematik (immerhin: Charlotte dröhnt sich seit dem 13ten Lebensjahr regelmäßig mit harten Sachen zu) teilweise als unumstößlich hingenommen wird. Nach dem Motto: Holmes ist eben Holmes! Für ein Buch, das sich den Anstrich von Tiefe gibt, war mir das zuwenig.

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