"The Cage - Entführt" von Megan Shepherd, Jugendbuch
Copyright: Heyne fliegt

Wie bewertet man eine Geschichte, die mit einem
faszinierenden Fictionplot daherkommt, fesselnd geschrieben ist, zu überraschen
weiß, deren Protagonisten bisweilen aber so sehr stören, dass man ihnen alle
paar Seiten kräftig mit der Hand durchs Gesicht wedeln möchte? „The Cage –
Entführt“
von Megan Shepherd ist eines jener Bücher, die mich zwiegespalten
zurücklassen. Die folgende Rezension mag Euch daher etwas wankelmütig
erscheinen, was sie auch ist. Wie es dazu kommt, möchte ich Euch gerne erklären.

„The Cage – Entführt“ gehört im Grunde genau zu der Art
Lektüre, die mich wie ferngesteuert anzieht, weil ich seit „Die Tribute von Panem“
eine Leidenschaft für Szenarien habe, die Protagonisten abverlangen, sich aus
einer bestimmten Lage zu befreien. „The Cage“ hörte sich in dieser Hinsicht
vielversprechend an: Als die
16-jährige Cora aus der Bewusstlosigkeit erwacht, befindet sie sich nicht mehr
auf dem Weg in den Skiurlaub, sondern in einer weitläufigen Wüste, die ihr
seltsam unwirklich vorkommt. Etwas stimmt nicht mit diesem Ort – Distanzen, Landschaft
und Klima wirken zugleich echt und künstlich. Als Cora ihre Umgebung erforscht,
trifft sie auf weitere Jugendliche: Lucky, zu dem sie schnell einen Draht hat,
den einschüchternden Leon, den intelligenten Sonderling Rolf und die asiatische
Beauty Nok. Gemeinsam machen sie eine erschütternde Entdeckung.


Ausnahmsweise muss ich – um meine Eindrücke zu verdeutlichen
– in meiner Kritik ein paar Ereignisse vorwegnehmen, was Euch hoffentlich nicht
die Vorfreude auf das Buch verdirbt, sofern Ihr entschlossen seid, es zu lesen.
Vorsichtshalber an dieser Stelle mal ein großgedrucktes: SPOILER! Welches
Geheimnis hinter der seltsamen Welt steckt, in der Cora und ihre kleine Gruppe
gefangen sind, lässt sich aber im Grunde aus dem Klappentext erschließen. Sie
wurden von Außerirdischen entführt und in ein Gehege gesteckt – zur Belustigung
der hoch entwickelten Aliens, die in den Menschen eine possierliche, niedere
Existenzform sehen. „Planet der Affen“ lässt grüßen. Cora und ihre
Mitgefangenen werden „gehalten“ wie Tiere in einem Zoo. Sie haben dabei zwar
einige Annehmlichkeiten, müssen aber gewisse Regeln befolgen. Wenigstens eine
dieser Regeln greift jedoch massiv in das Selbstbestimmungsrecht ein.

Was habe ich also erwartet? Dass sich die Gruppe
zusammenrauft und nach einem Fluchtweg sucht. Was ist tatsächlich passiert? Die
Gruppe misstraut sich von der ersten Begegnung an und die meisten Charaktere
verharren in einer für mich schwer akzeptablen Passivität. Nun kann ich mir durchaus
vorstellen, dass Menschen, die sich nicht kennen, sich auch nicht über den Weg
trauen und in Extremsituationen gegeneinander arbeiten. Die Art und Weise, in
der die Figuren hier jedoch stur und trotzig Vorurteile aufbauen, konnte ich selten
nachvollziehen und damit auch viele Handlungselemente und Dialoge nicht. Vieles
davon hat mich regelrecht geärgert. Vor allem über Rolf und Nok musste ich
mehrfach heftig den Kopf schütteln. Ein Beispiel: Die
Aliens versorgen ihre menschlichen Haustiere mit Nahrung. Im Laufe der Geschichte
verschwindet immer mal wieder das Essen der Protagonisten, nur Coras Essen
nicht; das steht brav auf seinem Tablett. Rolf und Nok sind sich sofort sicher,
dass Cora das Essen der anderen gestohlen hat, um Zwietracht zu säen.
Ausdauernd behaupten sie Kapitel für Kapitel, Cora würde ihnen das Essen
wegnehmen. Diese Annahme ist aus mehreren Gründen völlig unplausibel. 1. hat Cora
keinen Grund Essen zu klauen und die Situation somit für alle zu verschlimmern,
2. wäre es dämlich, das eigene Essen dann auch noch stehen zu lassen und damit
die anderen gegen sich selbst aufzubringen und 3. ist Cora ab einem bestimmten
Zeitpunkt gar nicht mehr an Ort und Stelle und kann ergo unmöglich der Dieb
sein. Kurios? Ja. Leider nicht nur einmal.

Ich habe herumgerätselt, was mir an der Geschichte insgesamt
fehlt und es ist wohl der Bogen von einem bestimmten Auslöser zu einer Annahme,
hin zu einer Äußerung, der nicht gut herausgearbeitet ist. Die Charaktere
stellen teilweise aus dem Nichts heraus Thesen auf oder lassen sich Hals über
Kopf zu bestimmten Taten hinreißen, was wirklich schwer nachvollziehbar war.
Nun würde ich gerne meckern, dass es sich hier mal wieder um die Art
unlogisches Verhalten handelt, das ich an Büchern des Öfteren bemängele. Leider
nimmt mir die Autorin ab einem bestimmten Zeitpunkt mit einer schlüssigen (aber
lapidar eingeworfenen) Erklärung den Wind aus den Segeln. Nicht nur das: Gerade wollte ich Rolf
und Nok noch mit einem Tablett voll Essen in die Wüste jagen, da öffnet sich
mit einem kleinen Perspektivschlenker ein Spalt zu meinem Herzen für die
Figuren, sodass ich letztlich nicht weiß, was ich von ihnen halten soll. Dies
alles ändert jedoch nichts daran, dass ich viele Passagen schlichtweg nicht
gerne gelesen habe.

Dazwischen gab es nun aber viele Szenen, die wirklich
spannend waren. Auch der flüssige Schreibstil von Megan Shepherd hat mich über
einige Ärgernisse hinweggetröstet. Erzählt wird in der dritten Person. Die
meisten Kapitel sind Cora gewidmet, die sich engagiert auf die Suche nach einem
Ausweg macht, Dinge in Frage stellt und ihre grauen Zellen bemüht. Cora war für
mich damit der einzig wirklich zugängliche Charakter. Zwar nehmen einige Kapitel
die übrigen Figuren näher in Augenschein, sodass man in Ansätzen verstehen
kann, warum diese bestimmte Überzeugungen vertreten, doch insgesamt waren mir
die Gefühle der Gruppe zu oberflächlich herausgearbeitet und die Interaktion
zwischen Cora und ihren Mitgefangenen mitunter paradox.

Der Auftakt zu dieser Trilogie deutet eine kleine
Liebesgeschichte an, die sich einerseits erwartungsgemäß entwickelt, den Leser aber
dennoch angenehm in Zweifel stürzt. Ich könnte mir vorstellen, dass Amors Pfeil
im zweiten Buch etwas tiefer bohrt. Und ja, dabei wäre ich grundsätzlich gerne
dabei. Ich möchte wirklich wissen, wie die Geschichte weitergeht und letztlich
endet. Allerdings nur, wenn mir die Autorin einige Ereignisse in den nächsten
Bänden etwas besser verkaufen kann.

WERBUNG
Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung

The Cage – Entführt von Megan Shepherd 
Originaltitel: The Cage
Übersetzer: Beate Brammertz 
Broschiert: 464 Seiten 
Verlag: Heyne Verlag
Erscheinungsdatum: 29. August 2016 
ISBN: 978-3453268937 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren

2 Replies to “[Rezension] „The Cage – Entführt“ von Megan Shepherd

  1. Hallöchen =)

    Ich habe den Auftakt auch gelesen und wenn ich so an die Punkte in der Geschichte denke, an denen ich den Kopf schütteln musste, lässt sich sagen, dass ich einen Großteil deiner Kritik wirklich nachvollziehen kann =). Es ging mir ähnlich und trotzdem hat mich die Autorin überzeugt. so sehr, dass ich am liebsten direkt weiter gelesen hätte. Der Folgeband wird auf jeden Fall bei mir einziehen.

    LG
    Anja

  2. Liebe Anja. Das ist es ja gerade… der Sciencefictionanteil ist eigentlich so verdammt gut. Die ganze Idee und die vielen Geheimnisse… aber die Charaktere haben mich echt mehr als nur einmal sehr genervt. Bis zur Fortsetzung dauert es ja nun eine kleine Weile… vielleicht bin ich bis dahin über mein Rolf-Nok-Trauma hinweg 😉 mal sehen
    Schönen Tag Dir, Alex

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.