"Hier könnte das Ende der Welt sein" von John Coray Whaley
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Zweite Chancen

Für manche mag der Ort in Arkansas, der den schönen Namen Lily trägt, das Ende der Welt sein. Für
andere ist es der Ort wo alles
wiederkehrt
.
Tatsache aber ist: Viele Menschen, die es einst wegzog von
Lily, kommen zurück – so wie eine, seit Ende der 40er Jahre ausgestorben
geglaubte Spechtart. Mit der Rückkehr des Lazarus-Spechtes kommt neuer Wind in der Kleinstadt auf.
Der Tourismus entwickelt sich, allerlei Veranstaltungen im Namen des Lazarus-Spechtes werden
veranstaltet, um das doch etwas eintönige Leben bunter zu gestalten. Nicht
zuletzt die Medien werden von kaum einem anderen Thema beherrscht, als von
dieser Rückkehr.
Cullen
Witter
, seine Eltern
und gemeinsame Freunde
hingegen warten auf eine ganz andere Rückkehr: Gabriel, Cullens jüngerer Bruder ist ohne Vorzeichen
und spurlos verschwunden. Was zunächst auch für die Stadt wichtig ist, wird
neben der großartigen biologischen Sensation langsam zum Hintergrundgeräusch.
Je länger Gabriel vermisst wird, desto weniger spricht man über sein
unverständliches Verschwinden.

Über (erzählerische) Monate hinweg habe ich mit erlebt,
was es heißt, wenn ein geliebter Mensch wie vom Erdboden verschluckt scheint.
Kein Zeichen eines freiwilligen Verschwindens. Ein spurloses Auflösen ist es,
was hier passiert und Familie und Freunde ratlos zurücklässt. Da heißt es, die
Hoffnung nicht verlieren und weiterglauben an diese Rückkehr. Vor allem Lucas Cader, der beste
Freund Cullens kann und will die Hoffnung nicht aufgeben und untertstützt die
Familie physisch und moralisch. Der Lazarus-Specht
wird so etwas wie ein Symbol für das Durchhalten: Wenn eine ausgestorbene
Spechtart nach Jahrzehnten wieder gesichtet werden kann, ist eben alles möglich
Und das ist es tatsächlich. Doch was ist nun Traum oder Wunsch und was ist die Wirklichkeit?
John
Corey Whaley
hat in seinem ersten Roman tief in die Trickkiste
gegriffen und eine außergewöhnliche Umsetzung für sein Thema gefunden. Anfangs
sperrig zu lesen, da sich zwei scheinbar nicht berührende Handlungsstränge in
den Kapiteln abwechseln, gewinnt die Geschichte um Cullen, seinen Bruder
Gabriel, den biblischen Hintergrund der apokryphischen Schriften, den angeblich
wieder „auferstandenen“ Lazarus-Specht
und die Nöte und Probleme junger Menschen in einem Ort wie Lily / Arkansas
langsam aber sicher an Fahrt.
Da heißt es, die erste Verwirrung beiseite schieben und
sich einlassen auf ein Konzept, das mit Ablenkungsmanövern geschickt falsche
Fährten legt, Handlungsstränge nur ganz langsam aufeinander zulaufen lässt und
letztendlich die Auflösung der Geschichte mit der Einsicht verknüpft, dass auch
die kleinste von nur einem Menschen getroffene Handlung eine Auswirkung nicht
nur auf ihn selbst haben kann. Die ebenso einfache wie geniale Auflösung ist
noch dazu keine Auflösung im eigentlichen Sinne.
Letztendlich kommt es bei dieser nämlich auf die Deutung
durch den Leser selbst an. Kein offenes, sondern ein alternatives Ende setzt
den fulminanten Schlusspunkt von Hier könnte das Ende der Welt sein.
Ob diese raffiniert
konzipierte
und umgesetzte
Geschichte allerdings junge Menschen ab 14 Jahren in den Bann ziehen kann? Das
müssen die jungen Leser selbst beantworten. Der Einsatz, den man zu Beginn
bringen muss ist nicht eben niedrig, aber der Gewinn zum Ende umso lohnender.
„…
Dr. Webb sagt, das Leben sei so kompliziert und verwirrend, dass Menschen sich
oft nur schwer zurechtfinden. … Das Leben sagt er, müsse aber nicht immer nur
schlecht sein. Wir müssen uns nicht um alles sorgen. Wir können einfach leben.
… Offen sein und so gut es geht mit allem umgehen. …“
Offen sein und mit allem umgehen so gut es geht – einen
besseren Rat allerdings kann man jungen Menschen, egal wo sie leben oder wie
sie sich fühlen, wahrlich nicht mit auf den Weg geben. Das gilt für das Leben
und für dieses Buch.

Hier könnte das Ende der Welt sein von John Coray Whaley 
Gebundene Ausgabe: 216 Seiten 
Verlag: Carl Hanser Verlag
Erscheinungsdatum: 17. März 2014 
ISBN: 978-3446245075

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