"Funny Girl" von Anthony McCarten, Roman
Copyright: Diogenes

Attackiert die Bösen … Wir brauchen alle Guten, die
wir finden können.

Lachen verbindet und überwindet Grenzen – menschliche
und kulturelle. Gemeinsames Lachen kann aus fremden Menschen so etwas wie eine
Familie machen, das hat wohl jeder von uns schon einmal erlebt.
Und obwohl das so ist, gibt es Kräfte, die dagegen sind,
dass Menschen gemeinsam lachen und glücklich sind – oder vielleicht gerade
deshalb?
Azime ist 20 Jahre jung, im Norden Londons wohnende
Kurdin und mit ihrem Leben – und dem einiger ihrer Freundinnen – nicht ganz
glücklich.
Ihre beste Freundin ist bereits verheiratet –  mit Anfang 20 in diesen kulturellen Kreisen
grade zur rechten Zeit. Sie liebt ihren Mann, obwohl es eine arrangierte Ehe
ist, doch der ist über die Maßen eifersüchtig.
Eine andere Freundin ist erst vor kurzem – im selben Alter
wie Azime – zu Grabe getragen worden. Noch am Grab werden Mordvorwürfe laut und
das gegen die Familie des Mädchens …

Über die Familie mit den alten Traditionen verwurzelt, fällt
es schwer, in einer anderen Kultur zu leben. Das erleben wir Tag für Tag bei
Freunden und Mitbürgern. Es zieht Menschen nicht ohne Grund aus ihrer Heimat
fort – seien es politische oder andere Beweggründe. Häufig ist es die Enge der
eigenen Kultur, der Wunsch ein freieres, besseres Leben zumindest für die
nächste Generation zu erreichen. Erstaunlicherweise setzen sich aber gerade
dann in der neuen, vermeintlich freieren Heimat die alten Traditionen stärker
durch als gedacht. Vielleicht ist es so etwas wie Trost, den man sucht, wenn
man sich nicht wirklich willkommen fühlt. Trost und ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit, die man nur mit Menschen empfinden kann, die einen
ähnlichen Hintergrund, ähnliche Träume und Vorstellungen haben.
Durch was kann man es schaffen, diese beginnende Abspaltung,
dieses Abgrenzen aufzubrechen? Durch Verständnis? Doch wie kommt man in
Kontakt mit dem, das ein ganz anderes Leben bedeutet? Durch Bücher, durch Filme
und durch Witze, die die eigene Lebenswelt karikieren, Unverständliches
etwas erträglicher machen.
Azime verspürt ganz deutlich den Wunsch, ihre eigenen
Gedanken, die westlich geprägt und damit für sie nicht immer einfach
durchzusetzen sind, anderen mitzuteilen. Von ihrem besten Freund eingeladen,
gerät sie in einen Comedy-Kurs und entdeckt dort ihre wahre Leidenschaft.
Menschen nicht nur ihre Kultur näher zubringen, sondern gemeinsam die
gegenseitigen Berührungsängste einfach weg zu lachen.
Doch wie weit kann sie gehen, ohne den Zorn ihrer religiösen
Gemeinschaft auf sich zu ziehen und ihre Familie zu verletzen? Ist es nicht
schon genug, die erste junge muslime Stand-Up-Comedian zu sein? Muss es
tatsächlich noch die Burka sein, die sie privat nie trägt?.
Azime lässt sich von ihrer Intuition leiten und hat Erfolg.
Am besten klappt das, wenn sie authentisch ist, aus ihrem eigenen Leben erzählt
– denn die Menschen merken, dass sie sich nicht wirklich so sehr von ihr
unterscheiden, gar nicht so fremd sind wie gedacht.
Anthony McCarten packt in seinem Roman „Funny girl“
ein heißes Eisen an, das schon so manchen in Bedrängnis geraten ließ. Darf man
Witze über kulturelle Werte oder Religionsgemeinschaften machen, auch wenn man
sich selbst zugehörig fühlt?
„ … Missbraucht nicht euer Recht auf Redefreiheit, dazu
ist es zu hart erkämpft. Wählt eure Zielscheibe sorgfältig aus. Attackiert die
Bösen. … Wir brauchen alle Guten, die wir finden können.  Aber habt keine Angst davor, die Wahrheit zu
sagen, ganz gleich, wohin sie euch führt. …“ (S. 77)
Auf einer Bühne auszusprechen, wovor viele Menschen Angst
haben und diese Ängste durch ein gemeinsames Lachen einfach verpuffen zu lassen
ist etwas sehr Positives, besitzt sogar eine überbrückende, heilende Kraft. Missstände
auf menschlicher Ebene öffentlich anzuprangern, indem man sie überspitzt
darstellt braucht mutige Menschen und eine Portion Wut.
McCartens Azime ist ein mutiger und etwas wütender Mensch.
Sie lässt sich nicht einschüchtern – aus welcher Richtung die Versuche, sie zum
schweigen zu bringen auch kommen – und dafür wird sie belohnt. Sie hat die
Lacher auf ihrer Seite.
Funny girl merkt man deutlich an, dass Anthony
McCarten
einen Wunsch hat, man könnte es auch eine Mission nennen: Menschen
ein kleines Stück näher zueinander zu bringen, Ängste und Vorurteile auszuräumen,
Verständnis zu schaffen. In einer Welt, die für den Einzelnen immer
unübersichtlicher und gleichzeitig enger wird, immer mehr Informationen
bereithält, die verarbeitet werden müssen wird dieses Verständnis immer
wichtiger. Umso schöner, wenn es sich durch Spaß und Witz auf so angenehme
Weise erreichen lässt.

Funny Girl von Anthony McCarten 
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten 
Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 26. Februar 2014 
ISBN: 978-3257068924

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