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Demnächst erscheint Gift zum Frühstück„, das neue Buch von Lemony Snicket, das wir Euch in Kürze vorstellen wollen. Vorab möchten wir die Gelegenheit ergreifen, den Autor – ein echtes Kuriosum in der Kinderliteratur – einmal näher in Augenschein zu nehmen.

Spätestens seit es die Kinderbuchreihe Series of Unfortunate Events als Netflix-Serie auf die Mattscheibe geschafft hat, dürfte der Name Lemony Snicket weitläufig bekannt sein. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und (so meint Wikipedia!) 65-milionenfach verkauft.

13 Snick-snacks!

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Dabei gibt es Lemony Snicket in Wirklichkeit überhaupt nicht. Den Namen hat sich der Musiker und Autor Daniel Handler ausgedacht. Unter diesem Pseudonym hat Handler inzwischen etliche Kinderbücher veröffentlicht. Gleichzeitig wurde „Lemony Snicket“ von ihm auch als eigenständige literarische Figur etabliert, die – um die Verwirrung komplett zu machen – u.a. als Erzähler und Mitglied einer Geheimorganisation in den von ihm selbst verfassten Geschichten auftritt.

So auch in der 13-bändigen Reihe betrüblicher Ereignisse, Handlers bekanntestes und erfolgreichstes Werk. Darin werden die Abenteuer der unglücklichen Baudelaire-Waisen beschrieben, denen der gruselige Graf Olaf auf die Pelle rückt.

Seid auf der Hut vor Aufräumattacken

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Ich habe die Bücher zwischen 2004 und 2007 regelrecht verschlungen und bereue schwer, sie irgendwannin einem Anflug von Minimalismuswahnaus meinem Regal verbannt zu haben. Aktuell sind sie in Deutschland vergriffen. Die Preise für die alten, von Brett Helquist wunderbar illustrierten, Manhattan Hardcover-Ausgaben sind monströs, teilweise mehr als 150 Euro. Inzwischen halte ich zwar wieder nach ihnen Ausschau und greife immer sofort zu, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt; bis ich die komplette Reihe erneut zusammengesammelt habe, wird aber wohl einige Zeit ins Land gehen.

Eine Katastrophe jagt die nächste

Was die betrüblichen Ereignisse so besonders macht, ist ihr makabrer Witz und der Umstand, dass den Hauptfiguren – die Geschwister Violet, Klaus und Sunny – fast ausschließlich richtig schlimme Dinge zustoßen, was für Kindergeschichten doch eher ungewöhnlich ist. Der Autor warnt sogar in jedem Buch davor, es überhaupt zu lesen, weil so viel Unerfreuliches darin geschieht.

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Das beginnt mit den ersten Seiten und wird danach nicht besser. Nachdem ihre Eltern bei einem mysteriösen Feuer ums Leben gekommen sind, werden die Baudelaires von einem Vormund zum nächsten gereicht, aber immer wieder taucht Oberfiesling Graf Olaf in Verkleidung auf, der es auf das Vermögen der Kinder abgesehen hat und selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Auf diese Weise endet Tante Josephine als Futter für die Seufzersee-Sauger und auch der nette Onkel Monty überlebt nicht lange. In der „Schule des Schreckens“ landen Violet, Klaus und Sunny in einem verpilzten Waisenschuppen voller Krebse. Und im „Schaurigen Spital“ entgeht Violet nur knapp der Entfernung ihrer Schädeldecke. So geht es weiter und immer weiter. Die Kinder geraten in die aberwitzigsten, bedrohlichsten Situationen. Und die Erwachsenen sind leider niemals eine Hilfe. Zum Glück sind die drei Baudelaires ziemlich clever und finden letztlich doch immer irgendeinen Ausweg. Wenn auch nur für kurze Zeit dann geht alles wieder von vorne los.

Erschöpft vom Elend

Ich kenne einige Leseratten, die diese Reihe begeistert begonnen, aber nicht beendet haben. Weil die Bücher wirklich jedes Mal dem gleichen Schema folgen, es so gar keine Hoffnung auf Besserung gibt und sich ehrlicherweise auch ziemlich viele Fragen anhäufen, die einfach nicht beantwortet werden. Ich kann verstehen, dass das mit der Zeit ziemlich frustrierend ist. Selbst der letzte, dreizehnte Band, bleibt Antworten schuldig.

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Andererseits: Sehnt jemand ernsthaft ein süßliches Happy End herbei? Wer auf ein solches spekuliert, hat die Idee hinter den Büchern nicht verstanden. Denn die besteht ja gerade darin, KEINE liebe, drollige Geschichte zu erzählen, sondern anzuerkennen, dass die Welt nicht fair und manchmal regelrecht verrückt ist. Auch Kinder wissen das schon und erleben es fast täglich. Ganz offensichtlich haben sie auch keine Scheu, darüber zu lesen. Zumindest nicht, wenn es wie hier wortgewandt und spannend verpackt ist, in jedem Buch ein Feuerwerk an schrägen Einfällen abgefackelt wird und spielerisch interessante (philosophische) Fragen aufgeworfen werden. Darf man einen Bösewicht über Bord eines Bootes ins offene Meer schubsen, obwohl es dem eigenen moralischen Kompass zuwider läuft, es aber vielleicht das Richtige in diesem Moment sein könnte?

Daniel Handler alias Lemony Snicket spricht Kinder auf einer erwachsenen Ebene an. Das spüren die Leser*innen, die sich – trotz Zielgruppe 10/12 Jahre – in allen Altersgruppen finden, wie wohl immer bei richtig guten Kinderbüchern.

In unreflektierte Schwärmerei soll hier allerdings nicht verfallen werden. Denn obwohl Daniel Handler nach den betrüblichen Ereignissen weitere Bücher unter dem Namen Lemony Snicket veröffentlicht hat, haben keineswegs alle Begeisterungsstürme bei mir ausgelöst. Aber davon in den nächsten Tagen mehr. (lex)

 

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Die Reihe umfasst:
1 Der schreckliche Anfang – Original: The Bad Beginning
2 Das Haus der Schlangen – Original: The Reptile Room
3 Der Seufzersee – Original: The Wide Window
4 Die unheimliche Mühle – Original: The Miserable Mill
5 Die Schule des Schreckens- Original: The Austere Academy
6 Die dunkle Allee – Original: The Ersatz Elevator
7 Das düstere Dorf – Original: The Vile Village
8 Das schaurige Spital – Original: The Hostile Hospital
9 Der grausige Jahrmarkt – Original: The Carnivorous Carnival
10 Der finstere Fels – Original: The Slippery Slope
11 Die grimmige Grotte – Original: The Grim Grotto
12 Das haarsträubende Hotel – Original: The Penultimate Peril
13 Das erstaunliche Ende – Original: The End

Altersempfehlung: ab 10 Jahren

Erschienen: ab 1999

Auf englisch erhältlich bei: Penguin Random House

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