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Buchstäblich Haare raufend sitze ich vorm Rechner und brüte über meiner Rezension zum dritten Teil von M.R.C. Kasasians Gower-Street-Reihe. Tatsächlich fehlen mir ein bisschen die Worte. Bereits der zweite Teil der Serie hat mir einiges abverlangt. Inzwischen denke ich, dass mein gemeinsamer Weg mit dem kriminalistischen Sonderling Sidney Grice und seinem freundlichen Mündel March Middleton an dieser Stelle endet.

Kritikpunkte, die mich schon in den ersten Büchern störten, haben sich in „Tod in der Villa Saturn“ nicht nur erneut bestätigt, ich habe sie sogar als noch stärker empfunden. Dabei waren die ersten 200 von insgesamt mehr als 500 Seiten recht vielversprechend. Auch deshalb, weil der ständig pöbelnde Sidney Grice gleich anfangs zu einer Morduntersuchung in ein Kloster gerufen wird und die angenehme Erzählerin der Geschichten, March Middleton, auf sich alleine gestellt ist.

Krimi Wie unter Drogen

Die junge Frau erhält eine Einladung eines ihr bis dato unbekannten Onkels, sie in seiner Villa zu besuchen. Als sie der Bitte nachkommt, arten die Ereignisse allerdings etwas aus. Erst drängt besagter Onkel March dazu, ein Testament in seinem Namen und zu ihren Gunsten aufzusetzen. Wenige Stunden später wird der Onkel dann brutal ermordet. Wirklich seltsam aber ist: March glaubt, sie selbst könnte die Täterin sein. Noch seltsamer sind die Wendungen, die die Sache anschließend nimmt.

Und seltsam liest sich der Anfang tatsächlich, teilweise fast (alb-)traumartig, wie unter Drogen. Dies allerdings bewusst. Gleichzeitig baut Kasasian eine mysteriöse Spannung auf und führt in seiner gewohnt-gewählten Ausdrucksweise, an der Nostalgie-Fans ihre wahre Freude haben dürften, wunderbar in die Geschichte ein.

Hinter der Grenze zum guten Geschmack

Nach den ersten Kapiteln geht es bergab mit dem Niveau. Der Humor ist alles andere als gelungen. Alle paar Absätze hagelt es derbe Sprüche. March Middleton steht wieder im Mittelpunkt des boshaften Spotts und wird von allen Seiten ausdauernd auf ihre Reizlosigkeit hingewiesen. Leider fällt es mir schwer zu lachen, wenn Menschen pietätlos runtergemacht werden. Das ist nicht meine Art Humor und in dieser Häufigkeit inzwischen sowieso mehr als nervig.

Bisher haben die Seitenhiebe der Figur March Middleton wenig anhaben können – in diesem Teil ist das anders. March war für mich eine einzige große Enttäuschung. Zu naiv, zu duldsam, zu leicht manipulierbar schlittert sie von einem Unglück ins nächste. Nach den ersten Fehlern, begeht sie weitere, lässt allen Hohn wehrlos über sich ergehen und agiert allgemein wie ein x-beliebiges blondes Dummchen. Die starke, emanzipierte Frau der ersten zwei Bände lässt sich erst in den letzten Absätzen wieder erahnen.

Es nimmt kein Ende

Dazwischen viele, viele Szenen und Dialoge, die die Handlung aufgeblasen, schlichtweg zu lang erscheinen lassen und auch sonst keine Freude bereiten, weil sie immer wieder den abgeschmackten Humor ins Zentrum rücken und logisches Handeln bzw. Lösungswillen der Beteiligten vermissen lassen.

Für mich war vor dem Lesen klar, dass meine Haltung zu der Serie mit diesem Band steht und fällt: Denn entweder, sie findet zurück zu anfänglicher Stärke oder sie kippt weiter Richtung Posse. Zweiteres ist geschehen. Was ich sehr bedauere, weil die Reihe mit mehr Fingerspitzengefühl die Chance zum Kult hätte und Kasasian sprachlich enorm viel Talent hat.

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„Tod in der Villa Saturn“ (Gower Street Detective, Band 3) von M.R.C. Kasasian
Original: Death Descends on Saturn Villa
Übersetzung: Johannes Sabinski
Hardcover: 576 Seiten
Verlag: Atlantik
Erscheinungsdatum: 4. Oktober 2018
ISBN: 978-3455004083

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