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Martin Schäuble entwirft in „Cleanland“ eine Hightech-Stadt, die nach einer Pandemie errichtet wurde, um die Menschen vor Krankheiten zu schützen. Abgeschirmt von der Außenwelt – den „Sicklands“ -, leben die Einwohner von Cleanland unter strenger Kontrolle des Gesundheitsdienstes: Maximale Sicherheit durch Abstände, Überwachung der Körperfunktionen, Visiere, Schleusen, tägliche Desinfektion und Saferooms für ältere Menschen.

Für Schilo ist all das ganz normal, denn sie ist in Cleanland aufgewachsen. Zweifel an dem System kommen ihr erst, als der kleine Bruder ihrer besten Freundin gegen seinen Schutzanzug rebelliert und vom Gesundheitsdienst mit Isolation bestraft wird.

Aktueller geht es nicht

Näher an der Realität als „Cleanland“ kann eine Dystopie derzeit kaum sein. Martin Schäuble (der unter dem Synonym Robert M. Sonntag bereits den SciFi-Thriller „Die Scanner“ schrieb) denkt die Entwicklung der letzten Monate einfach noch etwas weiter und spitzt die Hygienemaßnahmen der Regierung gegen Viren maximal zu. Was dabei herauskommt, ist alles andere, als eine perfekte Welt, sondern vielmehr eine sterile Gesundheitsdiktatur, die zwar körperliche Unversehrtheit verspricht, den Menschen aber jeglichen Raum zur freien Entscheidung und Nähe nimmt.

Cleanland – Welt ohne Leidenschaft

Und so ruft die Geschichte recht bald ein Gefühl von Unbehagen und Beklommenheit hervor. Gleich anfangs endet ein Discobesuch für Protagonistin Schilo und ihre beste Freundin abrupt, als Schilo einen Riss in ihrem Schutzanzug entdeckt und daraufhin etliche Personen panisch in Quarantäne geschickt werden. Während sich Schilo vor allem Sorgen um ihre Gesundheit macht, ist ihre Freundin Samira von Anfang an kritisch gegenüber den drakonischen Methoden eingestellt. Im Gegensatz zu Schilo, deren Beziehung zur Mutter distanziert ist und deren Oma hinter einer  Glaswand lebt, hat sie auch ein sehr viel herzlicheres und körperlicheres Verhältnis zu ihrer Familie.

Mit der Zeit beginnt Schilo die Regeln natürlich zu hinterfragen. Genau hier liegt aber auch die Schwäche des Buches. Mit gerade einmal 208 Seiten ist es nicht sehr umfangreich und aus meiner Sicht zu kurz geraten, um eine schlüssige Entwicklung der Hauptfigur aufzuzeigen. Auch bietet sie wenig Raum für Details und Hintergrundwissen. Natürlich kann die Phantasie der LeserInnen aufgrund der aktuellen Situation etliche Leerstellen mühelos füllen. Das wird aber spätestens bei der viel zu knapp – ja, fast pflichtmäßig – eingeflochtenen Liebesgeschichte zwischen Schilo und dem jungen Cleaner Toko dann doch etwas schwierig. Und auch das geraffte Ende enttäuscht.

Kürze nicht immer mit Würze

So wirkt „Cleanland“ unterm Strich mehr wie eine längere Kurzgeschichte, denn ein Roman, liest sich aufgrund des unkomplizierten Schreibstils und der beängstigenden Prämisse jedoch schnell, gut und spannend.

Lesenswert ist die Geschichte vor allem aufgrund ihrer Aktualität. In einer Zeit, in der eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie weit der Staat die Mündigkeit seiner Bürger zugunsten einer bestimmten Vorstellung von Sicherheit einschränken darf, immer noch in den Kinderschuhen steckt, kommt sie genau zum richtigen Zeitpunkt und eignet sich daher auch hervorragend als Diskussionsgrundlage für den Unterricht.

Trotz kleiner Abzüge ein wichtiger literarischer Beitrag zum Thema Gesellschaft und Pandemie, der hoffentlich viele LeserInnen – auch in den Schulen – findet. Von uns gibt es eine Empfehlung!

 

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Cleanland von Martin Schäuble
Seitenzahl: 208 Seiten
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendbuch
Format: e-book
Veröffentlicht am: 7. Oktober 2020

One Reply to “[Rezension] „Cleanland“ von Martin Schäuble”

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