An Tag 3 unserer Halloweek gibt es eine klassische Geistergeschichte. Und lasst euch nicht von dem verspielten grau-blauen Cover und der glänzenden Schneelandschaft täuschen: „Nacht über Frost Hollow Hall“ von Emma Carroll erzeugt gekonnt echten, atmosphärischen Grusel. Bei der Altersempfehlung ab 10 Jahren waren daher einige Leser skeptisch. Als Richtwert sagt man, das Alter der Leser
sollte in etwa dem der Protagonisten entsprechen – und da wäre man mit 12 Jahren auf der sicheren Seite. Im Zweifelsfall muss man – wie immer – individuell entscheiden, wieviel Spannung das eigene Kind verträgt. Viele Kinder haben bereits mit zehn Jahren alle Harry Potter Bände verschlungen. Und vor nicht allzu langer Zeit habe ich „Die Tribute von Panem“ als Lesetipp einer Viertklässlerin (!) in der Grundschulzeitung entdeckt. Hier relativiert sich jede Diskussion. Meiner Meinung nach geschieht in „Nacht über Frost Hollow Hall“
nichts, was für ältere Kinder nicht zumutbar wäre. Noch dazu löst Emma Carroll am Ende alle Handlungsfäden
auf eine sehr versöhnliche Weise auf.

"Nacht über Frost Hollow Hall" von Emma Carroll , Kinderbuch
Copyright: Thienemann

„Nacht über Frost Hollow Hall“ ist Geschichtsstunde und
Geisterbuch in einem: 1881 war nicht nur der Winter rau, sondern auch
das Leben und nicht selten der Ton. Der Alltag der 12jägrigen Tilly ist
von harter Arbeit und Armut geprägt. Umso mehr, seit der Vater vor
kurzem verschwunden ist und Tilly mit ihrer Mutter und ihrer Schwester
Eliza alleine über die Runden kommen muss. Als sie das Angebot erhält,
als Dienstmädchen auf dem abgelegenen Landsitz Frost Hollow Hall zu
arbeiten, nimmt sie begeistert an. Es lockt nicht nur die Aussicht auf
eine gute Bezahlung, sondern auch das Rätsel um den vor zehn Jahren
ertrunkenen jungen Lord Barrington, der Tilly seit einem Unfall nachts
in ihren Träumen erscheint. Im Haus trifft Tilly jedoch auf eine
Barriere des Schweigens und der Angst. 

Hinter
einer Geistererscheinung steht immer ein ungelöstes Geheimnis. Und so
verlegt sich Emma Carroll nicht auf bloße Effekte, sondern bindet den
Spuk in eine tragische Familiengeschichte ein, in der Verlustangst und
Trauer eine Rolle spielen. Das verleiht dem Plot Tiefe, ist aber für
jüngere Leser eventuell emotional herausfordernd, auch wenn immer wieder
muntere Passagen folgen und Tillys Nachforschungen im Vordergrund stehen. 

Sprachlich ist die Geschichte aber durchweg altersgerecht. Emma Carroll
schreibt leicht verständlich und Tillys Ton entspricht dem einer 12jährigen, die zum Teil noch ungestümes Kind ist, mit einem Fuss aber schon
auf der Schwelle zur Jugend steht und beispielsweise beginnt, sich für Jungs zu
interessieren. Dass Tilly in einigen Dingen, etwa Geld- und
Arbeitsfragen, einen reifen Eindruck macht, steht für mich im Einklang mit den
historischen Gegebenheiten, die authentisch – heißt: nicht verklärend – rüber kommen. 

Die
Charaktere, die Tilly durch die Geschichte begleiten, sind zum Teil
sympathisch und herzlich, zum Teil distanziert, undurchsichtig
und streng. Tilly begegnet den Bewohnern von Frost
Hollow Hall jedoch äußerst tapfer und couragiert und bewahrt sogar auf unheimlichen dunklen Treppen und im einsamen, frostweißen Wald einen kühlen Kopf. Es fiel mir sehr leicht, mich auf die Figur einzulassen und mich gemeinsam mit ihr auf Spurensuche zu begeben.

Emma Carroll hat mir einige sehr spannende Lesestunden beschert. Hier und da hätte man vielleicht besser abrunden können. Die Nebenhandlung um Tillys verschwundenen Vater kommt insgesamt etwas kurz, hätte aus meiner Sicht aber auch Stoff für ein eigenes Buch geboten. Letztlich wird hier auf die reale historische Gegebenheit der Armutsflucht Bezug genommen, ich bezweifle aber, dass Kinder die Hinter- und Beweggründe wirklich ganz durchschauen können. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft kleine Längen im Mittelteil: Hier kommt Tilly mit ihren Nachforschungen etwas langsam voran. Trotzdem war das Buch für mich weit von Langeweile entfernt: Die unheimliche, düstere Atmosphäre im alten Herrenhaus, das seltsame Verhalten seiner Bewohner und deren beharrliches, bedrückendes Schweigen ließ bei mir – im Gegenteil – viel Vorfreude auf Halloween und die dunkle Jahreszeit aufkommen.

Fazit: Eine traurige, schaurige und trotzdem auch schöne Geschichte über ruhelose Geister und die ungute Macht des Schweigens. Mit viel atmosphärischem Grusel, aber kleinen Längen und Kanten. Die Altersempfehlung könnte man gut und gerne zwei Jahre anheben.

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Nacht über Frost Hollow Hall von Emma Carroll
Original: Frost Hollow Hall
Illustratorin: Verena Körting
Übersetzung: Gerda Bean
e-book: 400 Seiten
Verlag: Thienemann Verlag
Erscheinungsdatum: 19. September 2017
ISBN: 978-3522184502
Altersempfehlung: 10 – 12 Jahre 

3 Replies to “[Halloweek-Rezension] „Nacht über Frost Hollow Hall“ von Emma Carroll

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