Die Stadt der besonderen Kinder - Ransom Riggs
Bildquelle: Droemer-Knaur

Die langersehnte Fortsetzung der „Insel der besonderen Kinder“ ist nun endlich in deutscher Sprache erschienen und machte Fans wie mich schon Vorfeld durch die – trotz Verlagswechsel – vorbildliche Anlehnung an den Vorgänger in Sachen Gestaltung/Cover/Größe  glücklich: Farbenspiel, Inlay, Schriftart- und größe, Einband, Schutzumschlag – alles perfekt! Auch der Inhalt kann durchaus mit dem ersten spannenden Abenteuer mithalten, auch wenn die „Stadt der besonderen Kinder“ sich ein bisschen zu sehr auf den Lorbeeren des – ohne Zweifel innovativen – ersten Bandes ausruht. Auch eine kleine „Was bisher geschah“-Einführung sucht man vergebens und auch wenn einige Fotos der wichtigsten Protagonisten samt Kurzvorstellung etwas Licht ins Erinnerungsdunkel bringen, habe ich mich mehr als einmal gefragt: „Kenn‘ ich den? Was können die nochmal? Golan – ist das einer von den Fiesen?“ Ich habe den ersten Band 2011 auf Englisch gelesen – eine kleiner Reminder im Inlay (oder anstatt eines Klappentextes – noch besser!) wäre also äußerst hilfreich gewesen.
 
Atmosphärisch dicht knüpft die Geschichte der besonderen
Kinder dort an, wo sie im ersten Teil endete: Bei Sturm auf hoher See im England des Zweiten Weltkriegs. Ransom Riggs erweist sich auch dieses Mal als Meister bedrückender Bedrohungsszenarien, denen durch die innige Freundschaft großartiger Figuren mit einzigartigen Talenten ein warmherziger Anstrich verpasst wird. Obwohl die Kinder sich altersgerecht verhalten und auch die Geschichte ihren jugendlichen Lesern nicht zu viel zumutet, verliert der Autor nie die situationsgegebene Ernsthaftigkeit aus den Augen. Das Schicksal der Kinder ist – aufgrund ihres „äußerlichen“ und „innerlichen“ Alters berührend und ihr Verhalten bewundernswert – ohne im Heldenpathos zu versinken. Obwohl der Leser so manchen Schicksalsschlag verkraften muss, wird ihm zu keiner Zeit das Herz gebrochen oder setzt man ihn zur Effenkthascherei dem plumpen Vulgarismus aus. Jugendliche werden bei dieser Lektüre – was heutzutage nicht selbstverständlich ist – also durchaus schlafen können – auch wenn sie es mit Sicherheit nicht wollen. Denn die Gruppe besonderer schlittert rasant von einem Abenteuer in das nächste.

„Ich beglückwünsche dich zu deiner empfindsamen Seele“, sagte sie. „Und sieh dich jetzt an – du spießt monströse Kreaturen auf, indem du ihnen eine Schere in die triefenden Augäpfel stößt.“ (S. 234)

Der Schwerpunkt der Fortsetzung liegt auf der Vertiefung der Figuren (Bronwyn ftw! Enoch => kann den mal jemand hauen?☠) was der Geschichte eine neue, wünschenswerte Ebene verleiht, sie allerdings auch etwas aus dem Fokus des Rahmenabenteuers rückt. Die Einführung neuer Personen orientiert sich – wie im ersten Band – an den kuriosen Fotografien, die Riggs wieder einmal zusammengetragen hat. Dabei kommt es zu manch originellem Charakter, was allerdings in der Masse aller „Besonderen“ zwischenzeitlich knapp am „Ist das jetzt nicht ein bisschen viel?“ vorbeischrammt. 

Aber du kannst dich nicht in jeder Sekunde schlecht fühlen, wollte ich ihr sagen. Das Lachen macht schreckliche Dinge nicht schlimmer, genauso wenig, wie sie durch Weinen besser werden.“ (S. 360)

Der im Klappentext und Bloggerkreisen groß angekündigte „Verrat“ am Ende ist etwas fehldefiniert, denn ein Verrat muss meiner Meinung nach aus den eigenen Reihen kommen – zumal der vermeintlich „größte“ – und das tut dieser nicht; wahrheitsgemäß müsste man sogar konstatieren, dass die Besonderen selbst Schuld sind, weil sie einfach nicht richtig aufgepasst haben. Diese im Vorfeld gestreute Information hat mir das Lesevergnügen – was mir im Nachhinein bewusst wurde – etwas verleidet, da ich jederzeit misstrauisch auf das kleinste Anzeichen von Verrätern in den eigenen Reihen gesucht habe (was ich generell verachte), obwohl alle Kinder in dieser Hinsicht bis zum Ende vollkommen integer sind. Möp. Der große Showdown ging also etwas in meiner…Verwunderung unter, wodurch die Geschichte insgesamt etwas auf der Strecke geblieben ist (was einmal mehr die Überflüssigkeit von Klappentexten unterstreicht). Um es kurz zu sagen: Die Suche der Kinder nach der Rettung ihrer Welt stagniert in dieser Fortsetzung, wohingegen das Zusammenspiel intensiviert wird. Das ist ein gutes Resümee und zufriedenstellendes Ergebnis eines zweiten Bandes mit Hinblick auf die Tatsache, dass der dritte und letzte erfahrungsgemäß beides in sich vereinen wird: Action-Story und Charakterstudie.

Und dass Riggs den Spagat zwischen diesen beiden Errungenschaften mit Bravour absolvieren wird, steht für mich außer Frage. Die „Stadt der besonderen Kinder“ birgt eine fantastische Reise durch außergewöhnliche Welten mit erstaunlichen Protagonisten – bleibt aber eine Reise. Bei der Ankunft wird es mit Sicherheit richtig krachen, wenn die verschiedenen Fähigkeiten und Köpfe der unterschiedlichen Welten und Zeitebenen im Krieg der Besonderen aufeinander prallen. In diesem Sinne habe ich diese „Ruhe vor dem Sturm“ sehr genossen und schmecke schon auf der Zunge die Lust nach dem Abschlussband. Hau in die Tasten, Ransom!




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„Die Stadt der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs
Erscheinungsdatum: Februar 2015
Hardcover mit Schutzumschlag: 480 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-65358-6

8 Replies to “[Rezension] „Die Stadt der besonderen Kinder“ von Ransom Riggs

    1. Hey Mandy,
      vielen Dank, das ist toll! Schön, dich als Leser zu haben. Ich bin gleich mal gegengestöbert gekommen – dein Layout ist ja wunderschön! Und eine Klassiker-Vorstellung, cool! Lese gleich mal ein paar mehr Posts. 🙂
      LG
      Krink

  1. Huhu

    Bin gerade über deinen Blog gestolpert 🙂
    Echt toller Blog, gefällt mir und ich bin gleich mal als Leserin geblieben 😉

    Viel Spaß noch beim Lesen und Bloggen

    Viele Liebe Grüße
    Nicky (the-infinite-bookshelf.blogspot.de)

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