"In einem Land vor meiner Zeit" von Ina Raki
Copyright: Aufbau Verlag

„Schlimmer als blind sein ist nicht sehen wollen.“ Wladimir Iljitsch Lenin


Alina
schläft am Abend voller Vorfreude auf ihren 14. Geburtstag ein. Doch als sie
erwacht, befindet sie sich in einem fremden Bett, einem fremden Zimmer und als
jugendliche Version ihrer Mutter wieder. In einem Land, dass irgendwann
aufhörte zu existieren und das bei vielen Menschen schon fast in Vergessenheit
geraten ist. Mit einem Regime, das Menschen hinter Mauern einsperrte, ein
ganzes Volk unterdrückte und bei dem selbst harmlose Worte zu einer großen
Gefahr wurden. Willkommen im Jahr 1984, in der DDR.
Alina
hat es aus einer sehr materialistischen und fortschrittlichen Welt nach
„Hinterwaldhausen“ verschlagen. Ihr einziger Begleiter in diese Zeit ist ihr
Tagebuch. Alina betritt mit vielen Vorurteilen diese für sie eigentlich
unbekannte Welt. Das Problem besteht nicht nur darin, dass es hier kein Facebook
gibt. Alle in ihrem Alter aus ihrem wirklichen Leben haben Spaß und Alina muss
sich während ihrer Zeitreise mit ernsthafter Politik beschäftigen. Die
Schwierigkeit an dieser Situation liegt darin nicht aufzufallen.
Mit
viel Mühe versucht Alina sich anzupassen, um den Lebenslauf ihrer Mutter nicht
zu ändern. Auch der Alltag in der DDR macht ihr zu schaffen, sie versteht so
viele Dinge einfach nicht, aber danach fragen kann sie auch nicht. Also
versucht sie mit den Möglichkeiten, die ihr gegeben sind, diese Zeit -deren
Konsumverhalten meist mit stundenlangem Schlange stehen verbunden war- und
dieses Regime zu begreifen, welches viele Menschen sich bis heute nicht
erklären können.

Zu
Beginn dieser Geschichte trifft man auf eine voreingenommene, verwöhnte und vom
Konsumterror der heutigen Zeit geprägte Alina. Sie empfindet das Leben, welches
eigentlich ihre Mutter geführt hat, als langweilig und grau. Sie vermisst viele
Vorzüge ihrer Zeit. Ja man könnte sogar sagen, sie bewertet einfach alles sehr
oberflächlich und möchte sich nicht wirklich mit dieser Zeit beschäftigen. Aber
im Laufe dieses Buches macht sie eine gewaltige Entwicklung durch und erkennt
wie viel Freiheiten sie in ihrem echten Leben hat. Sie lernt durch diese
Zeitreise so viel über das Leben ihrer Mutter und sich selbst.
Der
Leser erkennt, wie mutig Alina ist und wie einschränkend sie es empfindet,
ständig das Gefühl zu haben, es lauert eine unsichtbare Gefahr.
Für
mich war die Sichtweise von Alina sehr interessant, denn ich habe in meiner
Kindheit in der DDR gelebt und kann mich an viele Dinge gut erinnern.
Oft
habe ich den Drang verspürt, in die Geschichte zu springen und ihr gewisse
Dinge zu erklären, weil sie es aus meiner Sicht anfangs sehr falsch empfunden
hat. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, konnte ich Alinas Sichtweise
besser verstehen.
„In einem Land vor meiner Zeit“ hat mich sehr begeistert. Als ich das Cover sah
dachte ich eher an eine harmlose, lustige und oberflächliche Geschichte.
Natürlich
gibt es in diesem Buch einige lustige Anekdoten aus der DDR, aber auch viel
ernstere Themen werden aufgegriffen. Manchmal herrschte eine sehr düstere und
bedrückende Stimmung, die immer wieder aufgelockert wurde durch Alinas
Persönlichkeit und ihre für sie als skurril empfundenen Erlebnissen.
Interessant fand ich Alinas moderne Sprache mitten in den damaligen
Geschehnissen.
Auch
die Tatsache, dass das Buch in Tagebuchform geschrieben ist, hat die Geschichte
sehr authentisch und spannend gemacht.
Die
Buchgestaltung hat mir sehr gefallen. Vom Cover (wir hatten tatsächlich so
hässliche Blumen), den durchgestrichenen Sätzen und Smileys, bis hin zur
Textgestaltung, ist alles stimmig und ansprechend.
Ina
Raki hat ein etwas anderes Geschichtsbuch geschrieben, welches jeden
Geschichtsmuffel hinter dem Ofen hervorlockt. Es ist kein Buch mit sachlichen
harten Fakten.
Durch
Alinas tägliche Tagebucheinträge bekommt es eine persönliche Note.
Viele
Ereignisse aus diesem Buch bringen den Leser zum Nachdenken und sind sehr
bewegend.
Es
ist ein Buch gegen das Vergessen.
Und
am Ende ist man froh über seine Freiheit…

In einem Land vor meiner Zeit von Ina Raki

Taschenbuch: 288 Seiten 
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsdatum: 20. Februar 2012 
ISBN: 978-3351041571

5 Replies to “[Rezension] „In einem Land vor meiner Zeit“ von Ina Raki

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.