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Café Grano

Liebe LeserInnen, es ist Zeit für einen neuen Artikel aus unserer Rubrik „Nachgefragt“: Der Sommer eignet sich hervorragend zum Lesen und Schreiben – in der Hängematte, am Pool, auf der Wiese. Wer dazu keine Muße hat, treibt sich dieser Tage gerne im Café herum und genießt bei einem Schörlchen oder einem geeisten Kaffee die Aussicht oder nette Gesellschaft. Zu letzterem habe ich mich entschieden: In Heidelberg traf ich die Autorin Hanna Leybrand und habe sie im Café Grano am Kornmarkt über ihr Schriftstellerdasein befragt. Das jüngst erschienene Buch „Tigerküsse“ hat Kate bereits rezensiert (zur Rezi hier lang: Klick). Ich hatte eine wundervolle Zeit mit der faszinierenden Autorin, deren Lyrik ich sehr schätze, und hoffe, dass durch das folgende Interview ein wenig Savoir Vivre dieser sonnigen Abendstunden auf euch abfällt.

Krink:
Was die Leserschaft immer brennend von einem Autor oder einer Autorin
wissen möchte, klingt zwar abgedroschen, nichtsdestoweniger muss die
Frage aber gestellt werden: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und
warum?
HL: Als
Schulkind war ich eine Leseratte, die davon träumte, vom
Schließdienst in der Stadtbücherei, damals Amerikahaus und in der
Redoute der fürstbischöflichen Residenz untergebracht, vergessen zu
werden. Ein ganzes Wochenende in einem Barockinterieur, umgeben von
Büchern allein Tag und Nacht ungestört zu stöbern und zu
schmökern, stellte ich mir himmlisch vor. Alle drei Wochen fünf
Bücher, mehr durfte man nicht ausleihen, waren schnell verschlungen.
Ich entdeckte die Weltliteratur. Diese Lesewut hinterließ jedoch
bald eine Art Leere. Ich wollte selber schreiben.
Ein
erstes Gedicht, das sich vielleicht deshalb erhalten hat, weil mein
Klavierlehrer es für mich vertonte, entstand mit neun, ein
Abendgedicht mit mehreren gereimten Strophen.
Als
sechzehnjährige Gymnasiastin schickte ich reimlose Gedichte an die
regionale Tageszeitung. Fünf Mark zahlte die Redaktion für ihre
Veröffentlichung, und es kam vor, daß eine Verszeile fehlte.
Rom-Impressionen der Abiturreise wurden gedruckt und ein ganzseitiger
Bericht mit eigenen Fotos einer fünfwöchigen Paddeltour auf der
Donau bis an die bulgarische Grenze. Sport-Scheck in München
organisierte für mich im Deutschen Museum einen Diavortrag. Diese
Aktivitäten gefielen leider nicht meinem Schuldirektor, einem
promovierten Altphilologen. In guter jesuitischer Tradition hielt er
Schulspiel und Chor- und Orchestermusik in Ehren und hatte auch sonst
einige gute Eigenschaften. So gab er etwa einen Gedichtekanon heraus,
dessen Inhalt nach und nach von der ersten bis zur letzten Klasse
auswendig zu lernen war. Der freie Vortrag entsprach meinem
Geschmack. Aus den Beständen der Stadtbücherei legte ich mir in
Schönschrift selbst eine Privatanthologie an.
Kornmarkt Heidelberg

Mit
dreizehn erlebte ich einen Liebesroman, den ich alsbald literarisch
umsetzte. Die Furcht, meine Mutter könnte mir auf die amourösen
Schliche kommen oder schlimmer noch, die Schulleitung, behinderte
allerdings den Schreibfluß. Für das Objekt dieser frühen Begierde
ging die Sache nicht gut aus. Ich verlegte mich ersatzweise auf die
ungefährlichere Beobachtung ausgewählter Mitschüler und verfaßte
eine Art schriftlicher Psychogramme, heimlich, versteht sich. Die
Ergebnisse waren nicht dazu angetan, der Analyse Taten folgen zu
lassen. Der Roman wurde vertagt. Das Schreiben, auch das verstohlene,
blieb. Ich nehme an, eine Begabung ist zwingend.

Soviel
zur Frage, wie ich zum Schreiben kam. Das Warum ist schwieriger zu
beantworten. Es ist mit Lust verbunden. In der ästhetischen
Verdichtung sinnlicher Wahrnehmung liegt für mich ein großer Reiz.
Ich bin neugierig auf Menschen, wie sie sich in ihrem Verhalten
zeigen. Ich bin eine Autorin, die aus der Anschauung, aus der
Erfahrung schreibt. Deshalb habe ich über viele Pausen und Zweifel
hinweg immer Tagebuch geschrieben. Das ist mein Steinbruch, aus dem
die Geschichten kommen und in dem sinnliche Phänomene und situative
Details vermerkt sind. Da notiere ich, was mich fasziniert. Das kann
ein Gesicht sein, eine Stimmung, ein bestimmter Ort, eine Anekdote.
Ohne irgendeine Faszination mag ich nicht schreiben. Papier und
Schreibzeug begleiten mich überallhin.
Krink:
Sie haben Geisteswissenschaften in Heidelberg studiert und sich in
Mannheim im Gesangsfach ausbilden lassen. War es diese Kombination
aus Musikalität und Sprache, die Sie zu Ihrer Lyrik inspiriert hat?
HL: Die
Frage nach dem Verhältnis von Musikalität und Sprache in meiner
Lyrik ist nicht leicht zu beantworten. Ich bin eine Liebhaberin der
Literatur, keine Germanistin. Kann sein, daß die Musik für mich als
Musikerin ein großes Bild- und Motivreservoir darstellt. Ganz sicher
hat der Rhythmus meiner Lyrik, haben meine Assonanzen (Reime schreibe
ich ja nicht, höchstens Binnenreime), die Färbung der Vokale etwas
mit meiner Musikalität zu tun. Ein Heidelberger Publizist sagte
einmal über ein Gedicht, das die Rhein-Neckar-Zeitung
veröffentlichte und zu dem er mir spontan am Telefon gratulierte:
»Das Gedicht hat einen Rhythmus, der fröhlich macht. Das ist sehr
selten.« Der Mannheimer Komponist Wolfgang Hofmann ließ sich von
meinen Gedichten zu musikalischen Aphorismen für Altsaxophon-Solo
inspirieren. Wenn sich die Musikalität meiner Sprache auf andere
überträgt, so freut mich das natürlich. Beabsichtigt ist diese
Wirkung nicht.
Krink:
Ihre Liebe gilt nicht nur dem Schreiben, sondern auch der Musik −
können Sie beide Talente als Hobby in Ihr Alltagsleben integrieren?
HL: Es
geht gar nicht um irgendwelche Hobbies, sondern um ein inneres
Drängen, um wichtige Bedürfnisse meiner Person, letztlich um ein
Stück meiner Identität. Dem kann ich so nachgehen, wie es andere
Pflichten oder auch Lust, Laune und Inspiration erlauben. 2004 bis
2013 erarbeitete ich mit dem russischen Pianisten Valery Rüb
Konzertprogramme. Ich hatte Lust, wieder einmal öffentlich
aufzutreten und eine richtige Inszenierung zu machen mit Requisiten
und Kostümen. Auch das Schreiben kam nicht zu kurz, denn ich
moderierte die Aufführungen selbst. Damals gab es in Heidelberg das
»Anna Blum-Kabarett«, eine Kleinkunstbühne neben dem Theater, in
Mannheim gibt es immer noch »Gerings Kommode«. Valery Rüb
begleitet mich auch bei Lesungen. Und sonst? Zweimal im Monat kommt
er in mein Musikzimmer, und wir machen ein kleines Hauskonzert. Ein
oder zwei Freunde trinken Tee und hören mir zu. Wenn ich eine Stunde
gesungen habe, ohne Streß, ohne Zwang, bin ich ein neuer Mensch.
Musik und Literatur, d.h. Singen und Schreiben sind Kraftquellen, die
mir manches Bittere im Leben versüßen.
Krink: Sie haben bereits Gedichtbände verfasst. Nun sind mit
»Tigerküsse« gleich zwei Romane von Ihnen erschienen. Was hat Sie
zu diesem Gattungswechsel bewogen?
HL: Es
sind zwei Gedicht- und vier Prosabände. Ich habe seit Jahr und Tag
in meinen Tagebüchern auch elaborierte Formen der Prosa gepflegt,
oft auch in narrativer Form. Diese Prosa entstand meist gleichzeitig
mit meiner Lyrik, wurde aber wegen der nötigen inneren
Geschlossenheit der Bände erst nacheinander publiziert. Dabei wollte
ich mir meinen Weg über verschiedene kleinere Erzählformen bis hin
zu größeren und artistisch komplexeren Darbietungsmöglichkeiten
erarbeiten.
Krink:
Bei unseren Lesern ist vor allem der erotische Ton Ihrer Geschichten
gut angekommen. Nun fragt sich natürlich jeder brennend: Woher haben
Sie sich die Inspiration zu Ihren Geschichten genommen?
HL: Meine
Prosatexte und Gedichte sind erotisch. Sie sind aber nicht
sentimental. Sie gestalten das Erotische, ja manchmal sogar das
Intime von Hingabe und Lust als willkommene Mächte und
Erfahrungsdimensionen auch meiner Existenz. Typisch scheint mir, daß
ich mich von jeglichen Stereotypen, auch »feministischen«,
freihalte und hinter allen Begebnissen von Freude und Lust auch ein
dunkles Ostinato von Wagnis, Scheitern, ja von potenziellen
Katastrophen lauert. Diese tragische Dimension meiner Erzählkunst
verbindet sich, soweit ich das sehe, auf eine eigentümliche Weise
bei mir immer mit dem Ja-Sagen, dem Ja zu allen Empfindungen und
Erfahrungen, auch von Versuchungen der emotionalen Bewegung und
körperlichen Lust. Wie meistens in der Dichtung lassen sich bei
meinen Texten autobiografische Verdichtungen, phantasiehafte Exkurse
und literarische Übermalungen kaum trennen, oft verbunden mit einer
literarischen Hommage an diesen oder jenen bekannten Autor, z.B.
Vladimir Nabokov, D. H. Lawrence oder Henry Miller.
Krink:
Sie beziehen sich in »Der Meister des Pinsels« sehr stark auf
fern-östliche Liebeskunst? Woher beziehen Sie Ihr reichhaltiges
Wissen hierüber?
HL: Gute
Pinsel haben mich immer fasziniert, literarisch und auch sonst. Die
Kenntnis der fernöstlichen Pinsel beruht sehr tief auf meiner
umfangreichen Sammlung chinesischer Literatur, zu deren Verifizierung
mir hie und da auch Kontakte mit lebenden jungen Chinesen dienten.
Krink:
Eine Rezensentin bezeichnete »Tigerküsse« als bibliophiles
Kleinod, nicht zuletzt wegen der ästhetischen Aufmachung des Buches.
Wie kam es zu der Idee, Beardsley einzubeziehen?
HL: Beardsley
gehörte zu meinen bildkünstlerischen Favoriten. Wer sein Werk
durchstöbert, weiß warum.
Krink:
»Tigerküsse« sind zwar erotisch, zeigen aber nicht unbedingt ein
glückliches Ende einer Beziehung. Sehen Sie auch jenseits des
literarischen Lebens schwarz für die Liebe?
HL: 
Meine
erotischen Romane zeichnen Rausch und Glück,

verfallen aber nicht
den Lockungen des Idylls. Sie öffnen sich auch den Wunden und
Abgründen des Erotischen, ja mancherlei Aporien. Ich habe keine
Liebesromane geschrieben noch schreiben wollen. Wissen meine
Protagonisten, was Liebe ist? Martha Ruland zitiert den großen
französischen Liebestheoretiker Stendhal: »Jeder für sich in
dieser Wüste des Egoismus, die man das Leben nennt.« Stendhal
bezieht diese Erkenntnis auf Julien Sorel, den jungen sympathischen
und doch skrupellosen Parvenü, der über Leichen geht,
Frauenleichen, im berühmten Roman »Rot und Schwarz«. Auch in
meinen Romanen sind Egoisten am Werk. Sartre definierte Liebe als
»Egoismus zu zweit.« Das trifft sicher auf meine Figuren zu. Eine
jede will etwas, erwartet etwas vom anderen: Der »Meister des
Pinsels« will in Deutschland bleiben und ein berühmter Maler
werden. Dazu braucht er eine deutsche Frau. Der »Meister aus
Schanghai« probiert seine erotische Macht aus, bis er in seinem
Allmachtrausch einmal an die Falsche gerät. Der Spieler sucht eine
Frau, die ihn vor seiner Spielsucht rettet und ihm ein komfortables
Leben finanziert. Die Frauen wollen sich erotisch amüsieren. Ich
sehe nirgends eine Einstellung, die ich als Liebe gelten lassen
möchte. Meine Protagonisten sind auf der Suche nach Glück oder nach
dem, was sie darunter verstehen. Stendhal hat in seinem großen Essay
»Über die Liebe« das Gescheiteste über die Liebe geschrieben, das
ich je von einem Mann gelesen habe. Er war kein glücklicher
Liebhaber, aber er war ein großer Liebender. In meinem ersten
Gedichtband: »Schafft die Träume ab. Gedichte nicht nur von der
Liebe« habe ich ihn in den Motti zu den fünf Gedichtzyklen
reichlich zitiert. Denn ich habe einen ganzen Band Liebesgedichte
geschrieben. Auch in »Tage in Weiß und Blau«, meinem zweiten
Gedichtband, findet sich davon. In Prosa? − Nichts dergleichen.
Deshalb sehe ich aber nicht schwarz für die Liebe, denn die
schönsten Blumen wachsen nicht selten auch auf sehr rauhem Gelände.
Oder wie Stendhal es formuliert: »Die Liebe ist eine köstliche
Blume, aber man muß den Mut haben, sie vom Rande eines schauerlichen
Abgrundes zu pflücken.« Diese Art von existenziellem Mut sehe ich
bei keiner meiner Figuren. Man kann sich streiten, was das ist:
Liebe. Ein anderes Stendhalzitat lautet: »Die Liebe gleicht der
sogenannten „Milchstraße“ am Himmel, jenem Heer von Tausenden
und aber Tausenden kleinen Sternen, von denen mancher oft nur ein
Nebenfleck ist.« Die Exzerpte meiner begeisterten Stendhal-Lektüre
stammen aus meiner Schulzeit als Gymnasiastin. Sie haben nichts von
ihrer Faszination verloren. Privat sehe ich keinesfalls schwarz für
die Liebe und hatte nie Grund dazu.

Krink:
Ihr nächstes Projekt?
HL: Ich
stecke im dritten Kapitel eines großen Romans (Vorarbeiten gehen
zurück auf meine Studentenzeit), der zweierlei verbinden soll: einen
Epochenroman des akademischen Milieus der späten Sechziger- und
frühen Siebzigerjahre und eine subtile Anamnese intellektueller,
emotionaler, darunter auch erotischer sehr komplexer Verwicklungen,
vor allem an Hand der Lebensgeschichte eines jungen Migranten.Krink: Wir von „Kathrineverdeen“ danken Hanna Leybrand ganz herzlich für das inspirierende Interview und die schöne Zeit und sind schon gespannt auf das nächste Projekt!

Bisher
erschienen: 

 

  • Schafft die Träume ab. Gedichte nicht nur von der Liebe, Heidelberg 2003
  • Der Chaosforscher. Geschichten & Kurzprosa, Heidelberg 2005
  • Der Schwarzwaldschamane. Geschichten & Kurzprosa, Heidelberg 2006
  • Tage in Weiß und Blau. Gedichte, Heidelberg 2007
  • Das Nest. Neue Prosa – Neue Lyrik, Heidelberg 2011
  • Tigerküsse. Zwei kleine Romane, Heidelberg 2014
  • Wilhelm Kühlmann: Fäden im Labyrinth. Literarische Streifzüge 1984-2004, hg. von Jost Eickmeyer und Hanna Leybrand, Heidelberg 2009

2 Replies to “[Interview] Nachgefragt… bei Hanna Leybrand

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