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Zur Goldenen Hochzeit der Eltern trifft sich eine sechsköpfige Familie in einem abgelegenen Berghotel: die etwas unstete Dorte, ihr abenteuerlustiger Zwillingsbruder Karl, die ältere Schwester Anette samt Ehemann Jan Inge und Hund sowie die Eltern.

Schon zu Beginn liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Allzu ähnlich sind sich die Familienmitglieder nicht, und manche Konflikte schwelen seit Jahren unausgesprochen vor sich hin. Als ein Unwetter aufzieht, das Hotel von der Außenwelt abschneidet, und zwei zwielichtige Jäger Schutz suchen, verändert sich die Stimmung spürbar.

SCHEINBARE NORMALITÄT

Das Szenario bietet viele spannende Möglichkeiten: eine bissige Gesellschaftssatire à la „Der Gott des Gemetzels“, ein psychologisch dichtes Kammerspiel oder ein provokantes Aufeinandertreffen verschiedener Lebenswelten – Stadt versus Land, (scheinbare) Zivilisiertheit versus raue Natur.

Brit Bildøen führt ihre Figuren in eine vielversprechende Ausgangssituation und streut einzelne Zutaten dieser Richtungen auch ein. Über weite Strecken bleibt die Erzählung jedoch in der Normalität verhaftet, ohne das Potenzial voll auszuschöpfen. Die Familie trifft ein, die Jäger stoßen dazu. Alle sind leicht unzufrieden, essen Hirschgulasch und Häppchen, trinken Wein. Dorte flirtet unbekümmert mit dem verheirateten Hotelwirt Ole. Dann wird der Hund vergiftet und leidet über mehrere Kapitel. Dieser Hinweis für empfindliche Leser sei erlaubt.

MAN WARTET, UND WARTET …

Dass man das Buch schnell ausliest, liegt zum einen an der Kürze (rund 230 Seiten) und am angenehm zugänglichen Stil mit klaren, knappen Sätzen. Vor allem aber liest man weiter, weil man das Gefühl hat, dass noch etwas Entscheidendes passieren müsste. Diese Zuspitzung kommt jedoch viel zu spät: Erst auf den letzten fünfzig Seiten gewinnt die Handlung spürbar an Fahrt, bevor sie überraschend abrupt endet.

So blieb bei mir der Eindruck, eher einen ausführlichen Prolog gelesen zu haben und immer noch auf die eigentliche Erzählung zu warten. Die Figuren bleiben, wohl bewusst, in ihren festgefahrenen, nicht mehr reflektierten Rollen. Doch dadurch hält die Geschichte den Leser auf Abstand. Vielleicht ist gerade die konsequente Zurückhaltung Teil des Konzepts; ein Blick auf Menschen, die selbst in Extremsituationen nicht zueinanderfinden. Mir persönlich war es zu wenig greifbar. Insbesondere das Werbeversprechen „psychologische Spannung“ blieb unerfüllt.

 

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„Das Unwetter“ von Brit Bildøen
Original: ‎ Gult Farevarsel
Übersetzung: Frank Zuber
Verlag: btb
Erschienen: ‎ 14. Januar 2026
Taschenbuch: 240 Seiten
ISBN: 978-3442775002

 

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