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Dass ich hier am Ball geblieben bin, lag vor allem am Hörbuch, das von Luise Helm wunderbar einfühlsam interpretiert wird. Hätte ich hingegen zur gedruckten Ausgabe gegriffen, wäre ich spätestens ab der Hälfte in Versuchung geraten, einige Abschnitte querzulesen oder ganz zu überspringen. Die Handlung ist zwar stimmig aufgebaut – eher Gesellschaftsroman als Thriller – bleibt jedoch weit hinter ihrem Spannungspotenzial zurück.

Den Beteiligten fehlt meiner Ansicht nach der entscheidende Funke. Ich konnte weder nennenswerte Entwicklung noch besondere Tiefe erkennen, und die verschiedenen Erzählinstanzen unterscheiden sich stellenweise kaum voneinander, obwohl die einzelnen Rollen eigentlich völlig unterschiedliche Hintergründe mitbringen. In Verbindung mit den häufigen Rückblenden und der Vielzahl an Blickwinkeln ergaben sich für mich auch deutliche Längen. Zu Beginn musste ich mir Notizen machen, um einen Überblick zu gewinnen. Der Stil trägt zwar zuverlässig durch die Geschichte, doch mitreißend ist er nicht; eine straffere Struktur hätte gutgetan. Die knapp 600 Seiten bzw. 16,5 Std. Hörzeit sind spürbar zu lang.

Eine Familie, zwei verschwundene Kinder

Die Ereignisse setzen im Sommer 1975 ein. Die 13‑jährige Barbara verbringt ihre Ferien im Sommercamp auf dem weitläufigen Anwesen ihrer wohlhabenden Familie. Eines Morgens ist ihr Bett leer, das Mädchen bleibt verschwunden, ebenso wie ihr Bruder Bear, der vor über zehn Jahren im Alter von acht Jahren spurlos verschwand. Was ist mit den Kindern geschehen? Gibt es einen Zusammenhang? Und treibt sich möglicherweise ein Täter, oder sogar mehrere, in den umliegenden Wäldern herum?

Perspektiven-Panorama mit Schwächen

Die Erzählung entfaltet sich aus unterschiedlichen Blickrichtungen: Unter anderem geben Louise, die Betreuerin im Camp, Barbaras Zimmergenossin Tracy, Mutter Alice sowie Ermittlerin Judyta Einblick in das Geschehen. Sie zeichnen dabei ein eindrucksvolles Bild der 70er Jahre als einer Zeit, in der Frauen häufig nicht ernst genommen wurden und ihre Möglichkeiten stark begrenzt waren. Jede von ihnen ringt auf eigene Weise um Selbstbehauptung, mal mit Erfolg, mal vergeblich. Liz Moore richtet ihren kritischen Blick dabei vor allem auf das patriarchale System der Oberschicht, dessen Manipulationen und kaltes Kalkül hier viel Leid verursachen – sowohl in abhängigen, sozial schlechter gestellten Familien als auch in den eigenen Reihen.

So fügt sich nach und nach das Panaroma zusammen, werden Zusammenhänge deutlich und das Gefühl für die Beweggründe der Figuren verstärkt sich. Alles in allem habe ich die Geschichte gern gehört. Sie verbindet relevante gesellschaftlichen Themen mit einem leichten Thrilleransatz, wird in erster Linie aber hervorragend von Luise Helm gelesen, die über Schwächen in Figurenzeichnung und Dramaturgie hinwegtäuscht.

 

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Der Gott des Waldes von Liz Moore
Original: God of the Woods The
Übersetzung: Cornelius Hartz
Verlag: Der Audio Verlag
Erschienen: 20.02.25
Ungekürzte Lesung: 16 Stunden und 26 Minuten
Sprecherin: Luise Helm
ISBN: 978-3-7424-3443-2

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